Gebet - Dialog mit Gott
"Beten? - Zeitverschwendung!"
"Ich versuche zu beten, aber es ist wie telefonieren ohne Gesprächspartner."
Christsein im Alltag ist bei vielen Menschen einer
Belastungsprobe ausgesetzt: der Sprachlosigkeit gegenüber Gott.
Den ganzen Tag über reden wir mit den verschiedensten Menschen.
Gott scheint manchmal nicht recht "mitreden" zu wollen,
seine Stimme dringt nicht durch. Umgekehrt gerät Gott als möglicher
Gesprächspartner allzuleicht aus dem Blick. Alles mögliche
beansprucht vorrangig unsere Aufmerksamkeit: Menschen, mit denen
wir zu tun haben, Erwartungen, die an uns gestellt werden. Ohne
es eigendlich zu wollen, hat Gott auf einmal keinen festen Platz
mehr in unserem Alltag. Wenn Menschen einander richtig verstehen
wollen, müssen sie dieselbe Sprache sprechen. Die Sprache des
Menschen gegenüber Gott ist das Gebet. Diese Sprache gilt es,
fließend zu erlernen.
Jemand spricht uns an, schaut uns aber nicht ins Gesicht,
sondern blickt über unsere Schulter; dann fühlen wir uns
nicht an-gesprochen und nicht ernstgenommen. Wenn jemand losredet,
ohne uns eigendlich als Gesprächspartner wahrzunehmen, bleibt
es beim Monolog. Auch Gott müssen wir erst einmal als Gegenüber
wahrnehmen, ihm "ins Gesicht zu schauen". Nach den Erfahrungen
der großen Beterin Katharina von Siena ist dazu notwendig,
nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern zuerst anzuklopfen.
Dabei geht es nicht um komplizierte Rituale, sondern es gilt, Vertrauen
zu zeigen, offen zu sein für eine Antwort auf unser Gebet.
Offen zu sein, ist keine Selbstverständlichkeit.
Wir sind es gewöhnt, uns anderen Menschen möglichst wenig
auszusetzen; wir behaupten unsere Privatsphäre und wahren unsere
Interessen. Schleichen sich nicht leicht solche Vorbehalte ins Beten
ein? "Gib mir bitte dies und das, aber bring' mein Leben nicht
in Unruhe"! "Hilf mir aus diesem Problem, aber möglichst
so, daß ich recht behalte"! Gleicht solches Beten nicht
eher einer Verteidigung von "Reservaten"? Werden nicht
manchmal ganze Lebensbereiche vor Gott verschlossen, weil wir uns
da und dort lieber nicht in Frage stellen lassen wollen? Statt dessen
dürfen wir uns im Gebet vor Gott geben, wie wir sind: stark
oder schwach, hoffnungsvoll oder enttäuscht, dankbar oder verzweifelt.
Gott erwartet nicht, daß wir eine Maske anlegen. Wir dürfen
als ganze Menschen in die Nähe Gottes treten.
In dieser offenen Grundhaltung verändert sich
unser Beten. Was immer wir vor Gott tragen möchten, bekommt
eine Richtung. Aus Formeln, gesprochen in einen leeren Raum, werden
Gesprächsbeiträge, die zu einem bewußt wahrgenommenen
Gegenüber gesprochen sind.
Ein Dialog kommt zustande, wenn wir nicht nur
sprechen, sondern auch hören. Aber wie spricht Gott zu uns?
Wir sollten nicht auf machtvolle Erlebnisse warten. Wichtiger ist
die beredte Sprache kleiner Begebenheiten. Katharina von Siena konnte
die leise Stimme Gottes aus einem Wort der Bibel hören,
weil sie es als zu ihr gesprochen empfunden hat! Sie hat ein Wort,
das ein Besucher zu ihr sagte, spontan als Antwort Gottes verstanden.
Sie hat die kleinen und großen Ereignisse ihres Lebens als
An-Spruch Gottes gedeutet. Rechnen wir mit dem "Einfallsreichtum"
Gottes! Lernen wir, unser Leben in seinem Licht zu deuten! So ergibt
sich ein Gespräch mit Gott. Im Beten teilen wir Gott etwas
von unserem Leben mit; wir geben seiner Anwesenheit Raum; wir legen
Erfolge, Sorgen oder Scheitern in die Hand Gottes. Ein mit-geteiltes
Leben macht empfänglich für die unaufdringliche Stimme
Gottes, wir werden zum Hörer einer leisen Antwort.
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