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Im Gottesdienst fand eine Bildmeditation statt; ich habe dazu keinen Zugang gefunden. Wie meditiert man ein Bild?

Vom Fernsehen sind wir an rasche Bilderfolgen gewöhnt, die das gesprochenen Wort begleiten. In Zeitungen vertiefen Bilder den Eindruck, der wir aus dem Text gewonnen haben. Wort und Bild gehören zusammen. Schneidet man aus einer Zeitung ein Bild aus und zeigt es jemand ohne den Text, wird er damit fast nie etwas anfangen können. Ein religiöses Bild kommt dagegen (wie jedes Kunstwerk) im wesentlichen ohne Wort aus; es faßt äußere Darstellung und inhaltliche Aussage zusammen. In einer Bildmeditation entschlüsseln wir diesen Zusammenhang. Das gleicht einem Weg, den der Betrachter vom äußeren Eindruck zum inneren Gehalt zurücklegt.

Ein Bild meditieren heißt, es ohne Zeit- oder Ergebnisdruck fragend zu betrachten. Die erste Frage wird sein: Was sehe ich? Sehen wir z.B. eine Krippenszene, so ist -anders als bei einem Zeitungsfoto- mit dem Wiedererkennen erst ein Anfang gemacht. Lassen wir uns von der Darstellung an-sprechen: Was wird uns als Hauptsache vor Augen geführt? Welche Details tauchen auf? Was ist ungewöhnlich? Nehmen wir an, in einer Krippenszene, die Menschen in einem Stall zeigt, gibt es einen Lichteffekt, der von oben auf das Kind leuchtet. Dieser Lichteffekt bedarf der Deutung. Er erinnert daran, daß das Kind in der Krippe Gott und Mensch zugleich ist.

In vielen Darstellungen der Geburtsszene tragen Maria, Josef oder die Hirten Gewänder, wie sie für die Entstehungszeit des Bildes typisch sind; oder es tauchen Personen auf, die nicht im biblischen Bericht erwähnt sind. Solche Details bedürfen ebenfalls der Deutung: Die Geburt Jesu ist nicht nur eine Erinnerung an ein bestimmtes Datum; sie will ihre Bedeutung in jeder Zeit entfalten - für uns heute so gut wie in früheren Zeiten.

Durch geduldig aufschließendes Betrachten einer Krippenszene erkennen wir schrittweise dasselbe, was der große Mystiker aus dem Dominikanerorden Johannes Tauler lehrt: An Weihnachten gedenken wir dreier Geburten. Die erste ist die, das der Vater seinen eingeborenen Sohn in göttlicher Wesenheit, doch in Unterscheidung der Person gebiert. Die zweite Geburt ist die zu Bethlehem. Die dritte Geburt besteht darin, daß Gott alle Tage und zu jeglicher Stunde in einer guten Seele geboren wird, d.h. in unser Glaubensleben hinein.
Was wir aus einem Bild herausgelesen haben, deuten wir selbst in unseren ganz individuellen Alltag hinein. Texte der heiligen Schrift oder eines geistlichen Lehrers runden ab, binden zurück. Darin liegt eine Kraft, unseren Glauben zu festigen und zu vertiefen.

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© Dominikanerprovinz St. Albert - XV/V/MMIII