Ich bin zum Studium nach Augsburg gezogen.
Zu meiner Gemeinde habe ich den Kontakt verloren; in Augsburg habe
ich nicht Fuß fassen können.
Mit dem Studium hat sich erstmals Ihr ganzes Umfeld
geändert. Sie erleben das als Entwurzelung. Ich kann Ihnen
diese Erfahrung gut nachfühlen, denn während der Ausbildung
vor meinem Ordenseintritt war ich auch mehrmals in dieser Situation.
Das bislang mit anderen Menschen gelebte Christsein reduziert sich
leicht auf sporadische Meßbesuche, die nicht mehr tragen;
die ganze Umgebung erscheint anonym, vertraute menschliche Kontakte
lassen sich eben nicht auf Knopfdruck ersetzen. Man wird einsamer,
inmitten einer Masse unbekannter Studienkollegen, mit uninteressierten
Nachbarn, die kaum zurückgrüßen.
Zuerst wird wichtig sein, diese Situation nicht als
unabwendbaren Bestandteil Ihres Lebens anzusehen. In unseren Städten
gehen zwar viele in ihrer Arbeit auf, als ob es sonst nichts gäbe;
sobald man beginnt, das für unvermeidbar zu halten, verkümmern
andere Facetten des Menschseins. Andere machen städtische Freizeitangebote
zu ihrem Lebensinhalt, bei denen aber oft nur viele Einsame in anonymem
Rahmen aufeinandertreffen, ohne einander wirklich zu begegnen. Das
ist ein trauriger Nebenaspekt unserer Lebensverhältnisse, auf
die wir nur begrenzt Einfluß haben. Zum Teil wird diese Entwurzelung
unter verschiedenen Stichworten ("Flexibilität",
"Mobilität" usw.) sogar produziert, weil Menschen
dadurch verschiebbar werden, beliebig einsetzbar nach "objektiven"
Kriterien.
Um sich dem nicht auszuliefern, gilt es, neue Wurzeln
zu schlagen. Wie das gelingt, dafür gibt es keine Patentlösung.
Sie haben gute Erfahrungen und die Verwurzelung im Glauben auf Ihrer
Seite; sie schätzen sich selbst als kontaktfreudig ein. Das
eröffnet Wege. In neue Kontakte werden Sie nicht mehr wie im
dörflichen Umfeld hineinwachsen; Sie werden sich um sie bemühen
müssen, indem Sie aktiv Gespräche suchen und sich für
die Menschen in Ihrer Umgebung bewußt offen halten. Sie müssen
bzw. können künftig aus einer Vielfalt von Anknüpfungspunkten
und Möglichkeiten auswählen. Dabei wird es auf Ihre Interessen
ankommen, auf ihre geistige Heimat. Allein schon im Bereich der
Universität gibt es viele Gruppen, die auf sich aufmerksam
machen; laufend wird auf Projekte, Vorhaben oder Treffen hingewiesen.
Und nicht zuletzt wird es eine ganze Reihe von Mitstudenten geben,
die wie Sie aus der Anonymität herauswollen.
Zumindest ebenso wichtig ist es, eine geistliche
Heimat zu haben. Ein Gespräch mit Ihrem Gemeindepfarrer kann
Brücken schlagen: welche Gruppen gibt es in der Gemeinde, welche
kommt für Sie in Frage? Über den Gemeinderahmen hinaus
bieten kirchliche (Jugend-) Verbände und geistliche Gruppen
Chancen zur Glaubensvertiefung, zum Engagement und zu christlichem
Miteinander. Als Student finden Sie die vielleicht beste Anlaufstelle
in der Studentengemeinde; auch hier wird ein Gespräch mit einem
der Verantwortlichen Anknüpfungspunkte aufzeigen, die helfen,
in Ihrer neuen Umgebung Wurzeln zu fassen:
Katholische Hochschulgemeinde, Haus Edith Stein, Hermann-Köhl-Str.
25, 86159 Augsburg (Tel.: 0821/ 59 66 15).
Das Problem "neue Wurzeln fassen"
oder "neue geistliche Heimat finden"
scheint mir einer Vertiefung wert. Ich weiß, daß in
Gemeinden und Gemeinschaften dazu gerne Hilfen angeboten werden
(Gesprächspartner, Besuchsdienste, Informationen, Aktionen).
Aber kommen sie auch bei den Betroffenen an? Gibt es in unseren
Städten ein Netz, das engmaschig genug ist, Menschen in Gemeinden
oder Gemeinschaften zu integrieren? Schreiben Sie mir über
Ihre Erfahrungen, Ihre Vorschläge oder Meinung. Eine Zusammenfassung
der wichtigsten Anregungen wird als Beitrag in der SonntagsZeitung
erscheinen.
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