In der hl. Schrift heißt es, daß
man seine Hand besser abhacken soll, als mit ihr zu sündigen.
Wie soll man sich das vorstellen? Es kann doch unmöglich gemeint
sein, dies in die Tat umzusetzen!
Sie beziehen sich auf die Stellen Mt 5, 29 f
und 18, 8 f bzw. Mk 9, 43 ff. Wie Sie selbst erkannt haben, fordert
Jesus selbstverständlich nicht zur Selbstverstümmelung
auf. Es handelt sich um einen bildhaften Ausdruck, dessen Sinn tiefer
liegt als der bloße Wortlaut. Den Unterschied kann man sich
anhand vieler Redewendungen unserer heutigen Alltagssprache klarmachen.
Ein Sprichwort lautet: "Der Krug geht so lange zum Brunnen,
bis er bricht". Daraus ist nicht etwa zu schließen, daß
Krüge gehen können!
Die genannten Evangelienverse stehen in einem
Zusammenhang, in dem davor gewarnt wird, anderen Anstoß zu
geben (vgl. Mt 18, 6; Mk 9, 42); dieses "Anstoß geben"
meint eine Glaubenserschütterung, eine Heilsgefährdung
für einen anderen. Bei dem Anstoß, der von beispielhaft
genannten Körpergliedern (Hand, Fuß, Auge) ausgeht, ist
an schwere Versuchungen gedacht, denen ein Mensch ausgesetzt ist
und die er an der Wurzel überwinden soll. Es handelt sich um
eine Warnung, die eigenen Kräfte zu überschätzen
und Versuchungen zum Bösen überall zu vermuten, nur nicht
bei sich selbst. Eingeschlossen ist die Mahnung, dem Antrieb zu
etwas Bösem sofort und entschieden zu widerstehen.
Um welche Versuchungen es sich handelt, wird
in Mk 9, 43 ff nicht eigens gesagt; das ist auch unnötig, denn
in Mk 7, 21 ff ist bereits grundsätzlich angesprochen, daß
böse Gedanken und Strebungen aus dem Inneren des Menschen,
aus seinem Herzen kommen. In Mt 5, 29 f sind die Verse über
das verführerische Auge und die zur Sünde verleitende
Hand auf den Ehebruch bezogen. Mt zeigt damit, wie die Urkirche
die Worte Jesu konkret deutet und anwendet. In ähnlicher Weise
muß sich jeder Christ fragen, wo bei ihm die mögliche
Einbruchstelle der Sünde und die Gefährdung seines Heils
liegen. Die drastische Formulierung der Beispiele dient dazu, den
Wert des erhofften Lebens bei Gott um so stärker hervortreten
zu lassen: "Es ist besser für dich, verstümmelt oder
lahm in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen und zwei
Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden" (Mt
18, 8). Für ein Leben bei und mit Gott lohnt es sich, selbst
schwierige und einschneidende Änderungen des eigenen Lebens,
der eigenen Grundeinstellungen, in Angriff zu nehmen.
Um dem Sinn dieses oder eines anderen Bibelwortes
auf die Spur zu kommen, muß man nicht Theologie studiert haben.
Wichtig ist aber, nicht nur über eine ungefähre Erinnerung
nachzudenken, sondern über den Text, wie er in der Bibel steht:
"Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen",
sagt der hl. Hieronymus. Für unser Christsein im Alltag ist
eine (regelmäßige) geistliche Lektüre in der Bibel
von höchstem Wert! Den Zugang zu einer schwierigen Stelle findet
man am leichtesten, wenn man den Text befragt: Wie ist der Zusammenhang?
Worum geht es? Was hat das mit mir zu tun? Je ehrlicher und konkreter
man solche Fragen vor sich selbst beantwortet, um so tiefer erfahren
wir die prägende Kraft des Wortes Gottes: "Die Worte,
die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben"
(Joh 6, 63).
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