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"Bekannte Gebete sind für mich wie eine leere Formel. Versuche ich, eigene Gebete zu sprechen, finde ich keine Worte."

Solche Erfahrungen entmutigen viele und nehmen unserem Christsein im Alltag die Freude. Große geistliche Lehrer wie die hl. Katharina von Siena aus dem Dominikanerorden haben deshalb ihre Gebetserfahrungen an andere weitergegeben. Zusammengefaßt lehrt sie:

Man kann auf dreifache Weise beten. Die erste ist das beständige Gebet. Dieses Gebet richtet alle unsere Gedanken und Handlungen auf Gott aus. Darum nennt man es das andauernde, das unaufhörliche Gebet; es ist nichts anderes als das heilige Verlangen und die Zuneigung der Liebe. Welche Frucht reift nun in der Sonne des Gebetes? Zunächst einmal eine friedvolle Stille, die sich über nichts mehr ärgert und sich durch nichts mehr verwirren läßt.

Eine andere Weise des Betens ist das mündliche Gebet. Ich glaube nicht, daß die Seele volle Glut und Nahrung aus dem mündlichen Gebet gewinnt, wie manche das zu glauben scheinen, deren Gebet mehr aus Worten, denn aus Liebe besteht. Nach ihrer Meinung scheint das Gebet ausschließlich in mündlich hergesagten Versen zu bestehen. Aber so sollen wir es nicht machen. Wenn du mir nun sagst: Darf ich das mündliche Gebet unterlassen? Ich antworte: Nein. Ich weiß, daß die Seele zunächst wie im Leben so auch im Gebet noch recht unvollkommen ist. Sie darf darum nicht dem Müßiggang verfallen.

(Die Seele) soll mit dem mündlichen Gebet beginnen, aber auch dieses mündliche Gebet soll sie nicht verrichten, ohne mit ihm ein inneres Gebet zu verbinden und zwar auf folgende Weise: Während sie die Worte spricht, bemühe sie sich, das Herz und die Liebe auf Gott zu richten. (...) Wird das mündliche Gebet mit Ausdauer verrichtet, dann wird die Seele vom mündlichen Gebet zum inneren Gebet voranschreiten. Zuweilen ist die Seele so unwissend, daß sie eine einmal festgesetzte Zahl von mündlichen Gebeten eher vollzählig hersagt, als auf Gottes inneren Besuch zu achten, den sie selbst schon in ihrem Herzen wahrnimmt. Gott sucht wirklich zuweilen die Seele auf, einmal mit einer inneren Erleuchtung, dann wieder schenkt Gott ihr das Bewußtsein seiner Gegenwart, je nach Gottes Wohlgefallen und nach den Bedürfnissen der Seele. Jedes Gebet also muß mit der Absicht beginnen, vom mündlichen zum inneren Gebet voranzuschreiten.

In heutigem Sprachgebrauch ausgedrückt ist das "beständige, beharrliche Gebet" eine Grundhaltung: Der Mensch weiß sich auf Gott verwiesen, auf ihn angewiesen. Diese Grundhaltung ist ein festes Fundament: auf ihm stehend sammeln wir uns auf Gott hin, unser Gebet bekommt eine Zielrichtung; wir lernen, Stille (aus-) zu halten, Ärger oder Verwirrung abzulegen. Das "mündliche Gebet" steht in der Gefahr der Überfrachtung und der Veräußerlichung. Dennoch ist unsere Treue gefordert. Das gesprochene Gebet ist wie eine Brücke zum eigendlichen Beten, das ohne Worte auskommt. Ohne das "innere Gebet" bleiben wir an der Oberfläche; nur in ihm gelangen wir zu einem innigen Dialog mit Gott; es wächst aus dem mündlichen Gebet hervor. Darin löst man sich von Formeln, das Gebet findet den Weg vom Kopf zum Herz, es nimmt Gott wahr, es teilt mit.

Dieser Weg zu einer tieferen Begegnung mit Gott sollte uns etwas Mühe wert sein!

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© Dominikanerprovinz St. Albert - XV/V/MMIII