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"Ist die Einheit der christlichen Kirchen mehr als ein frommer Wunsch?"

Die Wiederherstellung der Einheit unter den Christen ist nicht nur ein Steckenpferd einiger ökumenisch gesinnter Persönlichkeiten oder Gruppen, sie ist Auftrag des Herrn, der alle verpflichtet. Jesus bittet den Vater um diese Einheit, "damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast" (vgl. Joh 17, 20 ff). Angesichts der in Korinth zerbrochenen Einheit mahnt Paulus: "Duldet keine Spaltungen unter euch"; (...). Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? (1 Kor 1, 10.13).

Christliche Einheit beruhte nie auf äußerlicher Einheitlichkeit; das Neue Testament zeigt, daß Juden- bzw. Heidenchristen trotz erheblicher Unterschiede eine innere, grundsätzliche Einheit besaßen, die allerdings gefährdet war. Aus apostolischen Wurzeln entwickelten sich im Osten vielfältige Traditionen in Theologie, Spiritualität, Liturgie und Kirchenrecht, deren grundsätzliche Berechtigung niemand in Zweifel zog; erst infolge eines Mangels an Verständnis und Liebe füreinander konnte es dazu kommen, daß legitime Vielfalt in die Auseinandersetzungen einbezogen wurde. Die Suche nach der christlichen Einheit achtet die Vielfalt der Überlieferungen und richtet den Blick auf das Grundsätzliche. Dabei wird deutlich, wie nahe sich die Kirchen stehen. In Bezug auf die getrennten Ostkirchen stellt das 2. Vatikanische Konzil fest, daß sie "wahre Sakramente besitzen, vor allem aber in der Kraft der apostolischen Sukzession das Priestertum und die Eucharistie, wodurch sie in ganz enger Verwandtschaft bis heute mit uns verbunden sind" (Dekret über den Ökumenismus, Nr. 15).

Die gemeinsame Taufe, die Heilige Schrift und viele weitere Gemeinsamkeiten ermöglichen eine ähnliche Aussage für das Verhältnis zu den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen (aaO, Nr. 19). Realistischerweise wird hinzugefügt, daß diese Kirchen und Kirchlichen Gemeinschaften wegen ihrer Verschiedenheit nach Ursprung, Lehre und geistlichem Leben nicht nur uns gegenüber, sondern auch untereinander nicht wenige Unterschiede aufweisen.

Das Mittel zur Wiederherstellung der christlichen Einheit ist der Dialog, der in Wahrheit und Liebe geführt werden muß. Das bedeutet, daß vorhandene Unterschiede im Grundsätzlichen weder verharmlost werden dürfen, noch die kirchliche Einheit durch den Einzelnen einfach vorweggenommen werden darf. Im Moment bleiben offene Wunden.

Daß der Dialog durchaus greifbare Früchte trägt, zeigen jüngste Ereignisse. Vom 11. November 1994 datiert eine gemeinsame christologische Erklärung der Katholischen Kirche und der Assyrischen Kirche des Ostens (beheimatet vor allem im heutigen Irak/ Iran). Darin wird festgestellt, daß jahrhundertealte lehrmäßige Kontroversen auf Mißverständnissen beruhten; es wurde möglich, das Geheimnis der Menschwerdung Jesu mit gemeinsamen Worten inhaltsgleich zu bekennen. Einige Jahre zuvor gab es bereits eine vergleichbaren Erklärung gemeinsam mit einer anderen Ostkirche. Ein Teilnehmer am Dialog sagte danach: Das Hauptproblem besteht nun darin, unseren Gläubigen zu erklären, worüber wir uns eigendlich 1500 Jahre gestritten haben!

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