Christ sein im Alltag
Offensein für Gott -
der Weg Gottes ins Herz
des Menschen
Aus einer Predigt von Johannes Tauler OP (+ 1361)
über "Steh auf Jerusalem und werde Licht!" (Jes 60,
1):
"Gott begehrt und bedarf in aller Welt nur eines Dinges; das
begehrt er aber so sehr, als ob er seinen ganzen Fleiß darauf
verwendete; es ist, daß er den edlen Grund, den er in dem
edlen Geist des Menschen gelegt hat, ledig und bereit finde, sein
göttliches Werk darin zu vollbringen. Denn Gott hat alle Gewalt
im Himmel und auf Erden; daran allein fehlt es ihm, daß er
sein liebreichstes Werk in dem Menschen ohne des Menschen Willen
nicht zu wirken vermag. Was soll nun der Mensch dazutun, daß
Gott diesen Grund erleuchten und darin wirken könne? Er soll
aufstehen, "steh auf", sagt das Wort; dies lautet, als
ob der Mensch hierbei mitwirken solle; der Mensch muß aufstehen
von allem, was nicht Gott ist, von sich selber und von allen Geschöpfen."
Wir Menschen des 20. Jahrhunderts sind daran gewöhnt
zu planen, zu gestalten, zu bewirken. Eines sind wir nicht gewöhnt:
unbeschwert und bereit zu sein, einfach aufnahmebereit für
das, was ein anderer, Gott, für uns bereithält. Wir nehmen
unbesehen an, daß für den Glaubensbereich dieselben Gesetze
wie für unseren Alltag gelten. In dieser Grundhaltung besteht
die Gefahr, daß wir Gott mit unseren Leistungen bedrängen
und am "Monatsende" den Lohn dafür verbuchen wollen.
Dem entzieht sich Gott.
Wir können Gott sogar mit Gebeten nicht herbeizwingen,
wir können ihn nicht mit hektischem Suchen finden wie einen
verlorenen Schlüssel. "Ledig und bereit" zu sein
für Gott sieht Tauler als die einzige maßgebliche menschliche
Leistung im geistlichen Leben an. Wie jede Anstrengung setzt sie
aber den Willen dazu voraus. Denn "ledig und bereit" ist
der Mensch nicht aus sich heraus, weil wir alle durch viele Pflichten,
Ängste, Sorgen, Fragen und Alltagsprobleme gebunden sind. Es
kommt deshalb auf den richtigen Blickwinkel an. "Steh auf"
und das, was im Sitzen groß wirkte, erscheint nun in der richtigen
Größenordnung. "Steh auf", das heißt:
loslassen können, Bewegung zulassen, über den Alltags-Zaun
hinausschauen. Diese Mitwirkung ist schwerer als das, was wir sonst
tun, weil es anderen Gesetzen folgt - aus der Hand geben, um sich
ergreifen und führen zu lassen. Das muß man wirklich
wollen.
Tauler sagt bewußt "Aufstehen von sich
selber und allen Geschöpfen", nicht: geringschätzen,
vergessen oder vernachlässigen. Denn wenn Gott den Grund unseres
Menschseins erleuchtet hat, sehen wir das alles wieder, nur diemal
in helles Licht getaucht. "Aufstehen von allem, was nicht Gott
ist" bedeutet deshalb auch: Überblick gewinnen, durchblicken,
in leuchtenden Farben sehen. Da das Licht dazu von Gott herkommt,
verändert sich die Beziehung zu uns selbst und anderen. Die
Beziehung wird liebevoll.
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