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Warum läßt der gute Gott soviel menschliches Leid zu?

Eine Mutter, deren Sohn tödlich verunglückt ist, stellt sich diese menschlich wohl bedrängendste Frage. Das mit dem Unglücksfall verbundene menschliche Leid macht über den Familienkreis hinaus betroffen. Daran ändert auch das Wissen um verschiedene theologische Erklärungsversuche nichts. Mögen sie noch so tiefsinnig sein, sie bieten keine wirklichen Antworten. Denn die Lücke, die der Tod eines Menschen reißt, ist durch nichts zu schließen. Auch ein Beitrag zum geistlichen Leben steht notwendig an dieser Grenze. Möglich ist vielleicht eine Annäherung, die den Weg zu einer inneren Bewältigung aufzeigt.

Selbst die Hl. Schrift bietet keine in sich geschlossene Theorie über das Leid; sie nimmt es wahr, sie nimmt es ernst, aber sie erklärt es nicht. Einige alttestamentliche Stellen haben zur Auffassung geführt, Leid sei immer Folge einer Abwendung von Gott oder eine Strafe. Solche Zusammenhänge werden von Jesus z. B. in Lk 13, 4 in Frage gestellt: "Oder jene 18 Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden - meint ihr, daß nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht?" (ähnlich Joh 9, 1-3). Jesus ruft alle gleichermaßen zur Umkehr auf und entzieht uns damit die Berechtigung, endgültige Urteile zu fällen - über mögliche Schuld ebenso wie über einen Zusammenhang mit dem Leid. Diese Worte Jesu befreien zumindest davon, sich über das eingetretene Leid hinaus mit einer "Erklärung" als Strafe Gottes quälen zu müssen.

Innere Bewältigung von menschlichem Leid wird möglich, wenn man Jesus auf seinem Kreuzweg betrachtend folgt. Sein Leiden besteht nicht in erster Linie im Erdulden körperlicher Torturen; viel schwerer wiegt der Eindruck, am Kreuz von Gott verlassen zu sein. Jesus war dem Vater wie kein anderer verbunden; er weiß, wer Gott ist und muß es dennoch durchleiden, diesen Gott verloren zu haben: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" (Mk 15, 34)? Dieses Leiden erschöpft sich nicht darin, daß Jesus eine Solidarität mit anderen Leidenden zum Ausdruck bringen will. Sein Leiden ist stellvertretend, wie es bereits in den Gottesknechtsliedern (vor allem Jes 52, 13 ff) ausgedrückt ist. Hinzu kommt, daß dieser eine, der stellvertretend alles Leid trägt, Gottes Sohn ist. "Darum ist sein Leiden nicht nur das tiefstmögliche (...), sondern es kann auch das für alle sühnende sein, weil es die Macht hat, alle Sünden, aber auch alles Leid der Welt zu unterwandern und es in ein Werk höchster Liebe zu verwandeln" (Hans Urs von Balthasar).

Es gibt viele menschliche Versuche, dem Leid zu begegnen: Flucht in "heile Welten" ohne Leid, Zukunftsplanung, (Lebens?)Versicherung, nicht-wahrnehmen-können oder -wollen usw. Die Methoden mögen verschieden sein, aber das Ziel ist dasselbe: das Leid muß weg. Jesus verlegt den Sinn des Lebens nicht in eine Aufhebung des Leidens; er hat den Kelch statt dessen bis zur Neige getrunken - für uns. Das ist keine Verherrlichung des Leidens, denn der am Kreuz gestorbene und begrabene Jesus steht von den Toten auf. Er nimmt seine Wundmale verklärt in das Leben beim Vater mit. Es folgt ein unzerstörbares Leben bei Gott, das alles Durchlebte und Durchlittene bei ihm einbirgt. Jesu Auferstehung und Erhöhung
zum Vater ist ein Hoffnungsschimmer auch in großem Leid, denn Jesu Weg ist auch der Weg derer, die ihm nachfolgen.

(Habdank - Geborgen)
In allen Betrübnissen
und Leiden sei geduldig
und ergib Deinen Willen in Gottes Willen,
dann wird Christus in Dir leben mit seinem Trost,
er wird mit Dir leiden
und alle Deine Lasten mit
Dir tragen.

Jan van Ruysbroeck

 

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