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Warum hat Gott mein Beten nicht erhört?

Ein junger Mann bittet Gott darum, daß die Liebe und die Erfahrung tiefer menschlicher Gemeinschaft in seiner Ehe von Dauer sein möge. Dennoch zerbricht die Ehe. War alles Beten umsonst?

Wenn jemand um äußerliche oder materielle Dinge wie z. B. Macht oder Reichtum betet, ahnt er im Grunde schon, daß derartige Bitten Gott nicht wirklich ernst nehmen; bleibt die "Erhörung" aus, gibt es keinen Grund, an Gott zu zweifeln. Ganz anders ist es bei einem Gebet, das bewußt Gottes Liebe zu den Menschen aufgreift und alles daran setzt, diese Liebe in eine menschliche Beziehung hineinzutragen. Dabei gibt ja gerade eine lebendige Glaubenserfahrung die Gebetsworte vor. Ein solches Gebet vor Gott ist sicher nicht unangemessen! Wenn es von zwei Liebenden an Gott gerichtet wird, zieht Gott in ihre Beziehung ein, denn es öffnet für Gott eine Tür ins menschliche Herz. Gebetserhörung besteht dann darin, daß Gott diese Beziehung prägt und Wege aufzeigt, Mißverständnisse oder Streit zu überwinden.

Gott hat den Menschen mit Freiheit beschenkt. Diese Freiheit kann genutzt oder mißbraucht werden: der Mensch hat die freie Entscheidung, zu Gott "Ja" zu sagen, oder Gott zurückzuweisen und eigene Wege zu gehen. Wenn ein Mensch Gott zurückweist, hält Gott dennoch an seinem Entschluß fest, die freie Entscheidung des Menschen zu achten; denn anderenfalls hätte er nur eine Scheinfreiheit gewährt. An diesem -menschlich unbegreiflichen- Entschluß hält Gott auch fest, wenn Gebete (mittelbar) darauf gerichtet sind, die menschliche Freiheit aufzuheben. Deshalb kann z. B. ein Gebet erhört werden, das für einen anderen um Umkehrbereitschaft bittet, nicht aber eines, das darauf gerichtet ist, eine menschliche Entscheidung gegen Gott gewissermaßen gewaltsam zu ändern.

Ein biblisches Beispiel ist Judas; er entschloß sich, den Herrn zu verraten; dennoch hat der Vater nicht machtvoll eingegriffen, um ihn daran zu hindern. Dagegen hat Petrus bereut, nachdem er den Herrn verleugnet hatte; er hat das Angebot Gottes zur Umkehr angenommen und Vergebung erlangt. In ähnlicher Weise hängt der Fortbestand einer menschlichen Gemeinschaft, die Gottes Liebe wiederspiegelt, an der Bereitschaft beider Partner, immer neu aufeinander zuzugehen, sich immer neu an Jesus zu orientieren, zu verzeihen, Schuld vor Gott zu bekennen und Vergebung anzunehmen. Das Angebot Gottes zur Begleitung auf diesem Weg kann jedoch auch zurückgewiesen werden. Ein solches "Nein" kann das letzte Wort sein und für den Betreffenden selbst und erst recht für den Partner viel menschliches Leid nach sich ziehen.
Einem zweiten Brief liegt eine noch leidvollere Erfahrung zugrunde. Für die Menschen, die wir lieben, bitten wir Gott von Herzen, er möge ihnen ein langes Leben voller Gesundheit und Glück schenken. Dennoch wissen wir: auch wenn Gott 80 oder 90 Jahre unsere Bitten erhört, so setzt doch eines Tages kein noch so inniges Gebet den Tod außer Kraft. Sogar angesichts eines durch menschliche Schuld eingetretenen, allzu frühen Todesfalles brauchen wir trotzdem nicht an der Frage nach nach Gottes Güte zu verzweifeln. Denn Gott schenkt manchmal zwar nicht das, was wir konkret erbitten, wohl aber noch größeres:

sich selbst! Das erfahren Trauernde in seiner liebenden, tröstenden Nähe und die, die er bei sich birgt, in einem unvergänglichen, glückseligen Leben aus Gottes Hand.
 

Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

hl. Niklaus von Flüe

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