Wie kann die Bibel von Gott sagen, daß
er ruhte, spricht, zornig wird? Er ist doch kein Mensch!
Gott ist der Schöpfer, wir die Geschöpfe.
Dennoch ist in der Hl. Schrift oft von einem Verhalten, von Gefühlen
und Tätigkeiten Gottes die Rede, als ob der Unterschied zwischen
Schöpfer und Geschöpf nicht bestünde. Eine besonders
markante Stelle ist: "Mit wem wollt ihr mich vergleichen? Wem
sollte ich ähnlich sein?, spricht der Heilige" (Jes 40,
25). In einem einzigen Gedankengang spricht Gott wie ein Mensch
und ruft seine absolute Unvergleichbarkeit in Erinnerung!
Gott ist unendlich größer als all unsere
Bilder und Worte. Sie können etwas von Gott aussagen, ihn aber
niemals erfassen. Gott sprengt die Grenzen menschlicher Sprache.
Jesus spricht häufig in Gleichnissen und benutzt alltägliche
Vorgänge, um seinen Zuhörern etwas vom Handeln Gottes
nahezubringen. Wie Gott wirklich ist, wird darin nicht erschöpfend
eingefangen. In den Gleichnissen ist z. B. von einem Gutsbesitzer
oder einem König die Rede. In dem, was sie tun, strahlt etwas
vom Vater auf, ohne daß damit gesagt sein soll, daß
er ein Gutsbesitzer oder menschlicher König ist. Im Beispiel
des Gleichnisses Mt 21, 33 ff ist der springende Punkt vielmehr
das Erbarmen Gottes, das wir durch Vergebungsbereitschaft beantworten
sollen.
Anders als mit menschlichen Worten und in unseren
begrenzten Vorstellungen können wir überhaupt nicht von
Gott sprechen. Umgekehrt könnten wir Gottes Wort nicht aufnehmen,
wenn es nicht in unseren Vorstellungen ausgedrückt wäre.
Alle Aussagen über Gott gelten deshalb nur in einem übertragenen,
analogen Sinn: sie schicken uns auf einen Weg. Was das heißt,
veranschaulicht ein Wort des Propheten Habakuk: "(Gott) leuchtet
wie das Licht der Sonne, ein Kranz von Strahlen umgibt ihn, in ihnen
verbirgt sich seine Macht" (Hab 3, 4). Gott bleibt uns verborgen,
entzogen, unverfügbar, obwohl er sich uns in Jesus Christus
und im Wort der Schrift offenbart hat.
Man kann zu menschlich von Gott denken, wenn man
einzelne Bilder absolut setzt und vergißt, um wieviel er größer
ist als wir. Die Gefahr liegt dann nahe, Gott wie einen Menschen
in Dienst nehmen oder ihm etwas verbergen zu wollen, Geschäfte
mit ihm zu machen oder ihn als Hilfstruppe für eigene Interessen
mobilisieren zu wollen. Umgekehrt nähme man Jesus und die Bibel
genausowenig ernst, wenn man Gott als etwas unpersönliches,
kühles und abstraktes wie eine mathematische Formel ansehen
würde: eine Formel kann nicht lieben und nicht geliebt werden.
Gott vermittelt uns eine Ahnung von seiner Größe
in der Sprache der Liebe: "Denn ich, der Herr, bin dein Gott,
ich, der Heilige Israels, bin dein Retter. (...) Weil du in meinen
Augen teuer und wertvoll bist und weil ich dich liebe, gebe ich
für dich ganze Länder und für dein Leben ganze Völker.
Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir" (Jes 43, 3 ff).
Nur die Liebe selbst kann so unbesehen und unerschöpflich verschenken.
Die Liebe ist lächerlich. Sie reitet
auf einem Esel über ausgebreitete Kleider. Man soll sie hochleben
lassen, mit Dornen krönen und kurzen Prozeß machen. Sie
ballt nicht die Faust. Sie steigt nicht herab. Sie hilft sich nicht
selbst. Sie dient als Kugelfang. Sie freut sich nicht über
Ungerechtigkeit. Sie ergreift Partei für die Ausgebeuteten.
Daher ist es lebensgefährlich, sich mit ihr einzulassen. Sie
könnte nämlich Bewußtsein bilden und den Lauf der
Dinge durchkreuzen. Nun aber bleibt Glaube, Liebe, Hoffnung, diese
drei. Aber die Liebe ist das schwächste Glied in der Kette,
die Stelle, an welcher der Teufelskreis bricht.
Eva Zeller, in: Koeppen/ Spennhoff/ Wolff (Hrsg.),
Spuren des Lebens, Neukirchen-Vluyn, 1994 (S. 161)
oder:
Die Liebe ist die Kunst, den anderen zu lieben, ohne ihn
zu beherrschen, ihm nahe zu sein, ohne ihn verschlingen zu wollen,
ihm Freiheit zu geben, ohne ihn zu verlassen, und bis ans Ende bei
ihm zu bleiben.
Jörg Zink, in: Koeppen/ Spennhoff/ Wolff (Hrsg.), Spuren des
Lebens, Neukirchen-Vluyn, 1994 (S. 160)
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