Wie kann ich meine Enttäuschung überwinden
und wieder zur Kirche zurückfinden?
An die Kirche werden hohe Erwartungen gestellt. In
ihr möchten wir Gott intensiv begegnen; Kirche soll geistliche
Heimat, Begegnung, Gemeinschaft bieten. Sie soll arm sein, um ein
glaubwürdiges Zeichen für den Reichtum Gottes darzustellen;
sie soll Armen und Benachteiligten wirksame Hilfe leisten, wo immer
solche gebraucht wird. Die Kirche soll heilig und gleichzeitig offen
sein für Suchende, Zweifelnde, Gescheiterte. Sie soll Orientierung
geben und gleichzeitig fragen, wie sie sich noch tiefer in die Nachfolge
Jesu stellen kann. Solche Erwartungen sind berechtigt, weil sie
sich an Wort und Handeln Jesu ausrichten. Diejenigen, die sie zu
erfüllen haben, sind jedoch Menschen, denn Gott handelt in
seiner Kirche durch sie.
Die Kirche ist einem Spannungsverhältnis ausgesetzt.
Wie wir im Credo bekennen, ist sie heilig. Gott, der Heilige schlechthin
(Jes 6, 3), ist ihr Urgrund; er erwählt und schafft sich ein
heiliges Volk (1 Petr 2, 9). Jesus Christus, der Heilige Gottes,
hat sich für die Kirche hingegeben, um sie rein und heilig
zu machen (Eph 5, 26). Als Tempel des Heiligen Geistes ist die Kirche
selbst heilig (1 Kor 3, 17). Andererseits schließt "Kirche"
Menschen zusammen, die diese Heiligkeit nur bedingt widerspiegeln:
sie können sich irren, andere verletzen, sündigen. Die
Kirche "ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig,
sie geht immerfort den Weg der Buße und der Erneuerung"
(II. Vat., Lumen Gentium 8).
Nicht wenige Menschen klagen über schlechte
Erfahrungen, die sie mit Kirche oder mit Einzelnen gemacht haben.
Viele sind der endlosen Streitigkeiten überdrüssig, in
denen es um kleinliches Rechthaben und längst nicht mehr um
Liebe und Wahrheit geht. Extreme Meinungen polarisieren eine ganze
Gemeinde. Jemand wird zurückgewiesen, der einen Zuhörer
oder Ratgeber sucht. Kirche präsentiert sich als Institution,
wenn Zeugen Christi gebraucht werden. Sie sucht Sicherheit, geht
Kompromisse ein, bleibt im Vordergründigen, während Menschen
mit ihren Fragen und Nöten alleine bleiben. Für viele
sind solche schlechten Erfahrungen so bestimmend, daß der
Blick auf die Hauptsache verstellt wird. Aber trotz all dieser Unzulänglichkeiten
tut sich etwas in der Kirche, denn der Heilige Geist ist am Werk!
Er bewirkt, daß es nie an Menschen fehlt, die das rechte Wort
zur rechten Zeit finden. Er zeigt neue Wege und schenkt Freude am
Glauben. Er erwärmt, was erkaltet ist. Er löst, was in
sich erstarrt ist. Darin liegen gleichsam Auferstehungserfahrungen:
längst begrabenen Erwartungen und Hoffnungen werden wieder
lebendig, neuer Glaubensmut bricht auf.
Zur Kirche finden Sie zurück, wenn die Wunden,
die Sie durch Enttäuschungen davongetragen haben, durch die
Erfahrung von Gottes Wirklichkeit und Nähe geheilt werden.
Manchmal eröffnet Gott einen neuen Zugang durch ein Bibelwort
oder ein Erlebnis, das zu denken gibt. Oft spricht er durch Menschen,
glaubwürdige Zeugen Jesu Christi, die dazu ermutigen, sich
erneut auf den Weg zu machen. Ihr Aufbruch sollte nicht durch schweres
Gepäck belastet werden: ein geistliches Gespräch oder
die Begleitung durch jemand, dem Sie vertrauen, hilft dabei, Ballast
abzuwerfen, den Blick auf das Wesentliche freizumachen und glaubwürdige
Zeugen Christi in Ihrer Umgebung wahrzunehmen. Geistliche Begleitung
möchte erfahrbar machen: "Einer trage des anderen Last".
Ist das Fundament erneuert, kann man darauf bauen.
Viele Menschen wissen gar nicht, daß ein Wiedereintritt die
Kirche möglich ist. Über eine solche Wiederaufnahme berät
Sie Ihr Pfarrer oder ein anderer Priester.
Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken.
Alles geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe.
Alles erreicht der Geduldige, und wer Gott hat, der hat alles.
Gott allein genügt.
hl. Theresia von Avila (Gotteslob Nr. 5/ 2)
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