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Immer wieder fällt das Wort "Neuevangelisierung". Was hat man sich darunter vorzustellen? Ein Programm?

Der Begriff "Neuevangelisierung" geht zurück auf das wichtige Apostolische Rundschreiben "Evangelii nuntiandi" Papst Pauls VI. Darin stellt er die Evangelisierung als das Hauptanliegen der missionarischen Kirche vor; Evangelisierung ist ihre eigendliche Berufung! Das gilt nicht nur für die Erstverkündigung des Glaubens in den sogenannten Missionsländern. Angesichts der gegenwärtigen Glaubenssituation gilt dieser Auftrag gleichermaßen für die Länder, in denen das Christentum bereits eine lange Geschichte hat. Der bestehende Bruch zwischen der modernen Kultur und dem Evangelium fordert von der Kirche neue Anstrengungen, das Evangelium (wieder) zu den Menschen zu tragen. Papst Johannes Paul II. hat diese Gedanken häufig aufgegriffen und weitergeführt: "Europa ist daran, wieder ein Missionskontinent zu werden. Das soll (...) als große Herausforderung verstanden werden".

Neuevangelisierung will das Glaubenserbe für heute aufschließen. Das Mittel dazu ist weder ein Eroberungsfeldzug noch die verzeifelte Wiederbelebung geschichtlich verbrauchter Modelle. Kardinal Carlo Martini, der Erzbischof von Mailand, betont zu Recht: "So ist auch das Europa von heute mit den Augen des Glaubens besehen, ein Ort des Heils wie des Unheils. Folgt daraus nicht für die erwünschte Evangelisierung, daß wir mit dieser Welt in einen zugleich vertrauensvollen wie kritischen Dialog eintreten dürfen? Evangelisierung bedeutet dann zugleich, von der Welt zu lernen und sie zu lehren."

Neuevangelisierung will Menschen zum Glauben führen. Das gelingt nicht, wenn die Fragen, die die Menschen haben, unbeantwortet bleiben. Das gelingt auch nicht durch das bloße Wiederholen wahrer, aber unverständlich gewordener Formeln. Erst, wenn Menschen Jesus begegnen und seine Bedeutung für ihr Leben erfahren, werden sie ihr Leben auf ihn ausrichten. Dafür braucht es glaubwürdige Zeugen. Neuevangelisierung fängt deshalb bei den Glaubenden an. Es kann keine Neuevangelisierung Europas geben, wenn die ständige "Selbstevangelisierung" der Kirche ausfällt. Das wußte schon der Patriarch von Konstantinopel, Johannes Chrysostomos (+ 407). Er schreibt im Kommentar zum ersten Timotheusbrief: "Leuchtet wie Licht in der dunklen Welt! Man brauchte so etwas nicht zu sagen, wenn unser Leben wirklich leuchtete. Es brauchte keine Belehrung, wenn wir Taten sprechen ließen. Es gäbe keine Heiden, wenn wir wahre Christen wären, wenn wir die Gebote Christi hielten. (...) Aber: dem Geld huldigen wir genau wie die Heiden. Vor dem Tod haben wir Angst wie sie. Armut fürchten wir wie sie. Krankheit ertragen wir schwerer als sie. Wie sollen sie vom Glauben überzeugt werden? Durch Wunderzeichen? Wunder geschehen nicht mehr. Durch unser Verhalten? Das aber ist schlecht. Durch Liebe? Keine Spur ist davon zu sehen. Darum werden wir auch einst nicht nur über unsere Sünden, sondern auch über den Schaden Rechenschaft ablegen müssen, den wir angerichtet haben. Wachen wir auf! Geben wir ein Beispiel himmlischen Lebens auf der Erde!"

Neuevangelisierung ist also kein Programm, das festliegt und von Spezialisten durchgeführt würde. Sie ist eher eine Vision, die um so mehr Wirklichkeit wird, je mehr Menschen danach leben.

Gott, wir brauchen eine andere Einstellung
zur Erde, zum Menschen, zum Leben, zu deiner Schöpfung.
Wir können nicht nur leben von Kühlschränken,
von Politik, von Bilanzen, von Leistungen.
Wir können nicht mehr.
Wir können nicht mehr leben ohne Phantasie,
ohne Vertrauen, ohne Liebe, ohne Dich.

aus: Manfred Frigger, Zeit für mich - Zeit für Gott, Herder 1986, S. 40

 

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