"Irgendwie geht alles schief, was ich
anfange und niemand interessiert sich für mich oder meine Meinung!"
Wir haben im Berufsleben, im Familienleben, gegenüber
Freunden und Bekannten unsere Rollen zu spielen. Wir sollen erfolgreich
sein, selbstbewußt, nützlich. Erwartungen werden an uns
gestellt, die wir zu erfüllen haben. Wie wir das schaffen sollen,
interessiert bereits wesentlich weniger. Für eine größer
werdende Zahl von Menschen wachsen sich die Erwartungen ihrer Umgebung
zur dauernden Überforderung aus. Je krampfhafter man dann versucht,
es allen recht zu machen, um so mehr scheint zu mißlingen.
Das "System" unserer Rollen funktioniert so tadellos,
daß Mißerfolge Schuldgefühle nach sich zieht. Menschen,
die von Schuldgefühlen gequält werden, können sich
mit den zu lösenden Fragen und Problemen gar nicht mehr richtig
auseinandersetzen. Immer mehr scheint man zu versagen. Auf die Dauer
besteht die Gefahr, daß Menschen an diesem Teufelskreis zerbrechen,
an sich selbst (ver-) zweifeln, ganz um sich selbst kreisen. Eine
Welt bricht zusammen.
Mit der Zerstörung Jerusalems brach die Welt
des Volkes Israels zusammen. Der Prophet Ezechiel fängt diese
Hoffnungslosigkeit ein: "Jetzt sagt Israel: Ausgetrocknet sind
unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren"
(Ez 37, 11). Es scheint unmöglich, sich von den Folgen der
Zerstörung Jerusalems zu erholen und neu anzufangen. In diese
Hoffnungslosigkeit dringt ein Wort Gottes: "Deshalb tritt als
Prophet auf, und sag zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Ich öffne
eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern
herauf" (Ez 37, 12). Gott findet sich nicht mit unseren Zusammenbrüchen
ab, sie sind ihm alles andere als gleichgültig. Wenn wir aus
eigener Kraft uns nicht mehr aufrichten können, schenkt Gott
von sich aus einen Neuanfang; er öffnet die Gräber unserer
begrabenen Hoffnungen, die Gräber unserer Selbstzweifel, die
Gräber unserer Perspektivelosigkeit, die Gräber unserer
Schuld. "Dann werdet ihr erkennen, daß ich der Herr bin"
(Ez 37, 13). Solche kleinen Auferweckungen in unserem Alltag bezeugen
die große Auferstehung Jesu und unsere Hoffnung auf die eigene
endgültige Auferstehung.
Vor Gott brauchen wir keine Rolle zu spielen, vor
ihm dürfen wir mit leeren Händen erscheinen, um sie von
ihm füllen zu lassen. Unser Gott ist nicht nur für Erfolgreiche,
Mächtige, und "Macher" da, er wendet sich bevorzugt
denen zu, die nicht aus sich selbst heraus weiterwissen oder die
versagt haben. Er schenkt nicht unbedingt Erfolge, die wir selbst
nicht erreichen können, aber er sagt immer "ja" zu
uns. Er nimmt uns an wie wir sind. Deshalb dürfen wir uns auch
selbst in unseren Begrenztheiten annehmen. Haben wir das in der
Begegnung mit Gott gelernt, verändern sich unsere Begegnungen
mit anderen Menschen: wir können sie lieben wie uns selbst.
Herr,
bleibe bei mir auch in der kommenden Woche.
Laß mich eines lernen, heiliger Gott:
daß ich kein Übermensch bin.
Meine Kräfte haben Grenzen,
und viel bleibt unfertig
an meinem Werk und an mir selbst.
Das laß mich lernen:
daß nichts in dieser Welt ganz fertig zu werden braucht.
aus: Jörg Zink, Wie wir beten können, Stuttgart
1970, S. 91
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