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Wie ist die Vaterunser-Bitte zu verstehen: "Führe uns nicht in Versuchung"? Besteht die Gefahr, daß Gott in Versuchung führt?

Die Auseinandersetzung mit dem Satz: "Führe uns nicht in Versuchung" (Lk 11, 4) beginnt bereits in den Evangelien. Im Lukasevangelium bildet er den Abschluß des Vaterunsers. Im Matthäusevangelium wird erläuternd hinzugefügt: "Sondern erlöse uns von dem Bösen" (Mt 6, 13). Dadurch verlagert Matthäus den Schwerpunkt auf eine Herausführung aus der Macht des Bösen, also auf Gottes erlösendes und befreiendens Handeln an uns.
Die Kirchenväter legen in großer Übereinstimmung dar, es sei unvorstellbar, daß Gott Menschen in Versuchung führt, und damit bezweckt, sie scheitern zu lassen. Origenes (+ 253/54) schreibt: "Ist es nicht ungereimt zu denken, daß der gute Gott, der doch gar keine schlechten Früchte bringen kann, jemanden in das Böse verstrickt?" Tertullian (+ um 220) lehrt: "Fern sei der Schein, als versuche der Herr! Das wäre, als wenn er den Glauben eines jeden nicht kennen würde oder sich freuen würde, ihn zu Fall zu bringen; Schwäche und Bosheit ist Sache des Teufels."

Den tiefsten geistlichen Zugang zur inhaltlichen Bedeutung geben uns ebenfalls die Kirchenväter. Origenes erkannte, daß kein Mensch schlechthin davon befreit ist, in Versuchung zu geraten. Selbst der Herr war in der Wüste der Versuchung ausgesetzt, der Apostel Petrus erlag der Versuchung, Jesus zu verleugnen. Der Sinn der Vaterunser-Bitte kann deshalb nicht sein, daß wir nicht versucht würden, denn dies ist unmöglich. Sie ist vielmehr ein Gebet um Gottes Hilfe, daß wir der Versuchung nicht erliegen.

Andere Väter, wie z.B. Tertullian und Cyprian von Karthago (+ 258), verknüpfen die im Vaterunser angesprochene Versuchung mit einer Prüfung durch Gott; biblische Beispiele zeigen, daß diese Prüfung nicht ein Scheitern, sondern eine Kräftigung des Glaubens bezwckt. Die Bitte muß sehr grundsätzlich gedeutet werden und besagt dann: Laß' uns nicht allein in der Gefahr, den Glauben zu verlieren, oder: bewahre uns vor dem Scheitern, wenn wir in Versuchung geraten, dich zu vergessen.

Die vielleicht "modernste" Deutung findet sich bei Petrus Chrysologus (+ 450). Er schließt ein Wort des Jakobusbriefs in seine Überlegungen ein: "Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung. Jeder wird von seiner eigenen Begierde, die ihn lockt und fängt, in Versuchung geführt" (Jak 1, 13f). Daraus erschließt er das Wesen der Versuchung: "Die Versuchung ist ein Trugbild. Sie verbirgt Glück im Unglück, Unglück im Glück und führt so die unwissenden Menschen zu trügerischem Fall. Wenn es heißt: 'Gott führe den Menschen in Versuchung', so soll damit nur gesagt sein, daß er diejenigen, die ihren Sünden nacheilen, im Stich läßt." Der entscheidende Punkt wird von daher klar: Kern der Versuchung ist, sich als Mensch gegenüber Gott behaupten zu wollen, "zu sein wie Gott". Der Antrieb dazu kommt nicht von Gott, sondern von der Fähigkeit des Menschen, Gott zu vernachlässigen und sich selbst zum Maßstab zu machen.

Dieser Versuchung war sogar Jesus in der Wüste ausgesetzt: nicht nach dem Willen des Vaters zu fragen, sondern sich von diesem Willen unabhängig zu machen und ihm eigene Pläne entgegenzustellen. Damit wird die Grundlage der Beziehung des Menschen zu Gott, des Geschöpfes zum Schöpfer, des Sohnes zum Vater, in Frage gestellt. Jesus zeigt uns aber auch, wie diese Gefahr überwunden werden kann, nämlich "von jedem Wort zu leben, das aus dem Mund Gottes kommt", und "ihm allein zu dienen". Die Vaterunser-Bitte formuliert das als Gebet. Sie ist von der Einsicht in unsere menschliche Begrenztheit geprägt. In ihr sagen wir uns von Selbsterlösungsversuchen los und legen unsere ganze Zukunft mit erneuertem Vertrauen in die Hand Gottes.

Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

hl. Niklaus von Flüe

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