Wer wirkt die Wunder in anderen Religionen?
Wunder wirkt Gott. Da es nur einen Gott gibt,
sind alle Wunder, die sich irgendwann und irgendwo auf der Erde
ereignen, Zeichen für seine Existenz und Gegenwart. Insoweit
ist die Antwort auf Ihre Frage nicht schwer.
Für mich klingt in Ihrer Frage eine zweite an: Könnten
Wunder so etwas wie einen Beweis für die Wahrheit der Religion
darstellen, in deren Bereich sie wahrgenommen werden? Tatsächlich
werden ja außerhalb der monotheistischen Weltreligionen Wunder
nicht Gott, sondern einem Schicksal, Götzen oder Geistern zugeschrieben.
Zur Klärung dieser Frage setzen wir am besten bei den in den
Evangelien berichteten Wundern Jesu an.
Auch wenn die Wunderüberlieferung der
Evangelien vielschichtig ist, so steht doch außer Frage, daß
Jesus Wunder gewirkt hat. Jesus erweist sich als machtvoll in Wort
und Tat. Er deutet das Geschehen selbst: "Wenn ich aber die
Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist das Reich
Gottes schon zu euch gekommen" (Lk 11, 20). Obwohl die Wunder
Jesu nach seiner eigenen Deutung seine messianische Vollmacht aufzeigen,
ist selbst im Neuen Testament nicht vorausgesetzt, daß er
als einziger Wunder wirkt. Sie sind noch nicht einmal auf den Kreis
der Jünger (Lk 10, 17) oder auf den Kreis derer beschränkt,
die "im Namen Jesu" Wunder wirken (vgl. Lk 9, 49 f). Im
selben Streitgespräch sagt Jesus nämlich zu seinen Kritikern:
"Wenn ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch
wen treiben dann eure Anhänger sie aus?" (Lk 11, 19; vgl.
auch Simon der Zauberer: ApG 8, 9 ff).
Die Reaktionen auf Jesu Wunder waren zwiespältig;
einige kamen zum Glauben an ihn, andere scheinen sie überhaupt
nicht zur Kenntnis zu nehmen oder geraten in Wut (vgl. z. B. Lk
6, 11). Das erschließt uns einen Grundzug von Wundern: sie
zwingen nicht zum Glauben und heben die freie Entscheidung zum Glauben
nicht auf. Vielmehr besteht eine Wechselwirkung: einerseits wecken
und ermutigen die Wunder den Glauben. Gleichzeitig können sie
nur da zur Wirkung kommen, wo eine grundsätzliche Aufnahmebereitschaft
besteht. Wunder gehören zur Heilsgeschichte. Sie werden im
Glauben als solche erkannt. "Wunder" ist ein Erlebnis,
das im Glauben von Gott her gedeutet wird. Deshalb können wir
festhalten: Die Wunder Jesu sind nach neutestamentlichem Zeugnis
kein Beweis für die Wahrheit seiner Worte oder seiner Sendung,
sie lassen in einem bestimmten Ereignis etwas von Gott aufleuchten.
Dasselbe gilt für Wunder im Bereich einer anderen Religion:
sie beweisen weder, daß diese wahr ist, noch daß die
unsere unwahr ist.
Die Konsequenzen daraus erkennt man am leichtesten
an einem Beispiel. In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul
ist vor einigen Wochen ein Hochhaus eingestürzt. Noch nach
langer Zeit konnten Überlebende fast unverletzt aus den Trümmern
geborgen werden. Jeder, der darin im Glauben ein Zeichen der Güte
und Nähe Gottes erkennt, wird von einem Wunder sprechen können
und darf es auch. Wenn wir weiter annehmen, die Geretteten oder
die Mitglieder der Suchdienste sind nicht Christen, sondern Angehörige
einer anderen Religion, werden sie dieselbe Deutung im Licht ihrer
Religion treffen. Gleich, ob sie dann das Ereignis als "Schicksal",
"Vorsehung", "Eingreifen eines Götzen oder Geistes"
deuten, dahinter steht immer dasselbe: der eine wahre Gott! Denn
das ist unser Glaube.
Ein Wunder, das Gott an einem Nichtchristen
wirkt, kann uns Christen daran erinnern, daß er der Schöpfer
und liebende Vater aller Menschen ist, auch derer, die ihn noch
nicht als Gott erkannt haben oder ihn ablehnen. Ein Nichtchrist
kann wie zur Zeit Jesu durch ein solches Wunder zum Glauben an den
dreifaltigen Gott voranschreiten.
Keiner lebt nur für sich allein,
keiner stirbt nur für sich allein.
Wir sind alle verantwortlich füreinander.
Wir sind alle verbunden mit Gott
durch seinen Ruf an uns.
In der Hingabe an ihn
und im Dienst für alle Menschen
bringen wir die gute Nachricht
von der Erlösung.
aus: W. Schaube, Taschengebete, Paderborn 3. Aufl. 1993, S. 20
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