Was meint die Hl. Schrift, wenn von einem
neuen Himmel und einer neuen Erde die Rede ist?
Das Wort vom neuen Himmel und der neuen Erde, die
Gott schaffen will, taucht in der Bibel erstaunlich häufig
auf. Leider führt es ein Schattendasein in unserem christlichen
Bewußtsein. "Neuschöpfung" kennzeichnet eine
von mehreren Redeweisen der Schrift über das, was wir erhoffen
dürfen. Keine dieser Redeweisen macht eine andere überflüssig.
Von einem neuen Himmel und einer neuen Erde spricht
zuerst der Prophet Jesaja (Jes 65, 17 f). "Neuschöpfung"
ist bei ihm der Inbegriff einer Heilsvision: "Man wird nicht
mehr an das Frühere denken", nämlich an menschliche
Schuld und Abwendung von Gott. "Nein, ihr sollt euch ohne Ende
freuen und jubeln über das, was ich erschaffe". Das Prophetenwort
verknüpft die Neuschöpfung mit dem Schicksal der Stadt
Jerusalem: sie war in Krieg und Feuer untergangen; in ihrem Wiederaufbau
zeigt sich der Neubeginn, den Gott mit seinem Volk macht. Dieser
Neubeginn ist ein Zeichen: was für die Stadt Jerusalem gilt,
das zieht größere Kreise und erfaßt die ganze Schöpfung.
Im Neuen Testament stellt 2 Petr 3, 13 das Wort vom
neuen Himmel und der neuen Erde den endzeitlichen Bildern vom Vergehen
der alten Schöpfung zur Seite. Die Geschichte endet nicht in
Zerstörung und Untergang, sondern sie geht in etwas Neues über.
In der Offenbarung des Johannes wird die Schöpfung eines neuen
Himmels und einer neuen Erde durch die Herabkunft eines neuen Jerusalem
vom Himmel gekrönt (Off 21, 1 f). Das Bildwort besagt, daß
die gesamte Schöpfung in die Gegenwart Gottes einbezogen wird.
In dieser Vision vollendet sich, was mit der ersten Ankunft Christi
und seinem Opfertod bereits begonnen hat (vgl. Off 12, 10 "Jetzt
ist gekommen das Heil ...").
Paulus sieht die Schöpfung in sehnsüchtiger
Erwartung ihrer Vollendung. Sie liegt in Geburtswehen und seufzt
mit uns zusammen in Erwartung des Kommenden. Diese Erwartung ist
nicht von Angst, sondern von Hoffnung durchdrungen: "Denn auf
Hoffnung hin sind wir gerettet" (Röm 8, 19-22). Christliche
Hoffnung ist nicht grundlos. Die Neuschöpfung ist bereits durch
die Heilstat Gottes in Christus eingeleitet worden. In Christi Kreuzestod
wurde die alte Schöpfung mitgekreuzigt; in seiner Auferstehung
wird die neue Schöpfung bereits offenbar (Gal 6, 14 f); Christus
ist der Erstgeborene der neuen Schöpfung (Kol 1, 15). Diese
Entwicklung geht nicht an uns vorbei. Wer in der Taufe mit Christus
verbunden wurde, ist bereits neues Geschöpf (2 Kor 5, 17).
Jeder Christ muß diesen "neuen Menschen" anlegen
(Kol 3, 9 f) wie ein Gewand.
Die angesprochenen und ähnliche Bibelstellen
malen ein überaus hoffnungsvolles Bild von dem, was Gott für
uns bereithält. Es lohnt, sich Zeit zu nehmen, um die verschiedenen
Gesichtspunkte zu bedenken! Die Welt, wie wir sie kennen, wird nicht
abgebrochen, sondern entwickelt sich gegen alle Widerstände
immer offensichtlicher auf Gott hin. Insofern steht das Wort vom
neuen Himmel und der neuen Erde den Gleichnissen Jesu vom Reich
Gottes sehr nahe. Gemeinsam ist ihnen weiter, daß der Wendepunkt
in Christus bereits überschritten wurde: was das Alte Testament
in einer Vision umschreibt, hat in ihm begonnen, wächst und
vollendet sich am Ende der Zeit. Das Wort von der Neuschöpfung
entreißt der Vergessenheit, daß der Mensch Teil der
Schöpfung ist und in alle Zukunft von Gott her ihr Schicksal
teilen wird; daraus entsteht eine besondere Verantwortung. Wir erhalten
einen geistlich tiefen Zugang dazu, daß wir nicht - wie auf
manchen Gemälden dargestellt - als wölkchenartige Seelen
Gott "von Angesicht zu Angesicht schauen" werden, sondern
als ganze Menschen. Da die Neuschöpfung bereits begonnen hat,
legt uns Gott eine Entscheidung vor: ob wir uns der Entwicklung
auf ihn hin verweigern oder uns ihr anvertrauen wollen.
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