"Ich kann nicht beten, selbst wenn ich
in Schwierigkeiten stecke und es gerne möchte!"
Gebet ist Dialog mit Gott. Während Gott zu diesem
Dialog ohne Vorbedingungen bereit ist, stehen wir Menschen manchmal
wie vor einer Mauer, die uns unüberwindlich erscheint. Sie
hindert uns, in den Dialog mit Gott einzutreten. Man steht gewissermaßen
an der Schwelle zum Gebet und kann sie nicht überschreiten.
Diese enttäuschende Erfahrung erinnert uns an
eine wesentliche Voraussetzung zum Beten: Beten wächst aus
dem Glauben hervor wie ein grüner Trieb aus der Wurzel; Glauben
wiederum heißt sein Vertrauen ganz auf Gott zu setzen. Vor
jedem Beten muß man sich seiner gläubigen Verwurzelung
in Gott bewußt werden, sie sich vergegenwärtigen. Viele
Schwierigkeiten mit dem Beten beruhen darauf, daß dem zu wenig
Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wie besinnt man sich auf die eigenen
Glaubenswurzeln? Vom heiligen Pfarrer von Ars wird erzählt,
daß er einen Mann beobachtete, der oft still in der Kirche
saß. Auf die Frage, was er die ganze Zeit dort tue, antwortete
der Mann: "Ich schaue Gott an und lasse mich von ihm anschauen."
Dieser Mann hat sich auf einfachste Weise neu bewußt gemacht,
daß Gott "jemand", nicht "etwas" ist,
daß Gott da ist und ihn anschaut. Diesem Blick braucht man
nicht auszuweichen und nicht vor ihm zurückzuschrecken. Wer
sich von Gott angeschaut weiß, hat ihn als Gegenüber
gefunden, zu dem man ein vertrauensvolles "Du" sagen kann.
In Psalm 27, 8 ist dieselbe Erfahrung so formuliert: "Mein
Herz denkt an dein Wort: 'Sucht mein Angesicht!' Dein Angesicht,
Herr, will ich suchen!"
Aus dieser gläubigen Erinnerung an Gottes Nähe
kann das Gebet herauswachsen. Jeder Wachstumsprozeß hängt
aber von Lebens- und Umweltbedingungen ab. Für das Gebet hat
Karl Rahner die entsprechenden Lebens- und Umweltbedingungen in
zwei kurzen Sätzen zusammengefaßt: "Bete im Alltag"
und "Bete den Alltag."
"Bete im Alltag" lädt dazu ein, das
Gebet in unseren Alltag hineinzustellen. Nicht selten gleicht es
eher einem säuberlich aus unserem Alltag herausgeschnittenen
Stück, das seinen Bezug zum Leben verloren hat. Gott möchte
in unser Leben eingelassen werden. Nicht nur die Begegnung mit Gott,
sondern auch der Dialog mit ihm kennen keinen anderen Raum als unseren
Alltag. Worte werden zum Gebet, wenn sie das einschließen,
was unser alltägliches Leben prägt: Sorgen, Ängste,
Dankbarkeit, Freude, Entscheidungen. Das Buch der Psalmen ist dafür
ein Lehrbuch. Das Beten im Alltag lebt nicht zuletzt von einer Gebetskultur;
um sie zu pflegen bedarf es der Bereitschaft zum Lernen, der Regelmäßigkeit
und der Ernsthaftigkeit. Beten als Antwort auf Gottes Wort an uns
sollte zu wichtig sein, um vergessen zu werden. Es sollte uns zu
wertvoll sein, um es dem letzten Platz, dem Zufall, einer Stimmungslage
oder der Beliebigkeit zu überlassen.
Auch wenn wir so beten, bleibt unser Alltag zuerst
einmal so wie er war: bestimmt von Kleinigkeiten, Vorläufigem,
Versuchen. "Bete den Alltag" sagt sich los davon, vor
dem Alltag für einige Zeit fliehen zu wollen. "Bete den
Alltag" entdeckt, daß jeder unserer Tage eigentlich Gottes
Tag ist, Zeit seiner Zuwendung, Zeit des Beschenktwerdens, Zeit
der geteilten Sorgen, Zeit des mitgetragenen Leids. Dieses Gebet
weiß darum, daß Gott an all unseren alltäglichen
Erfahrungen teilnimmt; sie sind in einer tieferen Schicht Raum einer
Begegnung mit ihm. Diese Begegnung verwandelt, heilt, heiligt. Sie
macht aus dem Alltag selbst ein Gebet, das nicht mehr von Worten,
sondern von Liebe geprägt ist.
Der Mensch soll seine Arbeit einfach und nüchtern tun. Er soll
dabei der bleiben, der er ist, und soll Gott in sich hereinnehmen
und oft vor ihm gegenwärtig sein, innig und gesammelt. Und
so lerne er Gott in das Werk tragen.
Johannes Tauler OP
oder:
Wer beten lernen will, braucht sich nicht
um Aufschwünge der Seele zu bemühen. Es genügt, daß
er auf der Erde steht.
aus: Jörg Zink, Wie wir beten können, Stuttgart,
1973
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