Hatte Jesus Geschwister?
Das neue Testament erwähnt an sieben Stellen
Brüder Jesu. Die aussagekräftigste darunter ist Mk 6,
3. Dort werden die Namen von vier Brüdern Jesu genannt, nur
dort ist zusätzlich von Schwestern Jesu die Rede. Was damit
gemeint ist, hängt vom griechischen Text ab. Im Griechischen
bezeichnet das Wort für "Bruder" regelmäßig
Voll- oder Halbbrüder; in semitisch beeinflußten griechischen
Texten werden darüberhinaus weitere Verwandtschaftsverhältnisse
einbezogen. Bereits daraus ergibt sich eine Unsicherheit.
Eine ganze Reihe von Kirchenvätern des Ostens
und Westens und mit ihnen die orthodoxen Kirchen nehmen an, daß
es sich um Kinder Josefs aus einer ersten Ehe handelt, also um Stiefbrüder
Jesu. Der Wortlaut trägt diese Annahme. Sie stammt jedoch aus
der kirchlich nicht anerkannten Schrift "Protoevangelium des
Jakobus"; diese Schrift ist geschichtlich wertlos und unterliegt
von daher Zweifeln.
Viele Exegeten, darunter fast ausnahmslos die der
evangelischen Kirchen, nehmen an, es handele sich bei den Brüdern
Jesu um nachgeborene Kinder Josefs und Marias. Dafür wird ins
Feld geführt, daß die einschlägigen Bibelstellen
durchgängig und ohne darin ein Problem zu sehen von Brüdern
bzw. Schwestern Jesu sprechen und die Mutter Jesu erwähnen.
Hinzu kommt, daß außerhalb der biblischen Bücher
der jüdische Schriftsteller Flavius Josephus Jakobus als "Bruder
Jesu" bezeichnet.
Eine dritte Meinung, die in der katholischen Tradition
wurzelt, sieht in den Brüdern und Schwestern Jesu entferntere
Verwandte, etwa Vettern und Cousinen. Argumente dafür werden
- manchmal etwas gewaltsam - den Evangelien entnommen. Nachvollziehbar
ist die Überlegung, daß der Auftrag Jesu an den Lieblingsjünger,
für Maria als seine Mutter zu sorgen, nur verständlich
ist, wenn Jesus der einzige leibliche Sohn Marias war. Häufig
zitiert wird eine Argumentation J. Blinzlers: Josef sei früh
gestorben, wie sich aus dem Fehlen seines Namens nach LK 2 zu ergeben
scheint. Maria hätte sich, wie in derartigen Fällen üblich,
unter den Schutz der nächsten Verwandten begeben. Innerhalb
ihrer Großfamilie würde im weiteren Sinn von Brüdern
und Schwestern gesprochen. Die junge Kirche hätte diesen Sprachgebrauch
beibehalten, um die Verwandten Jesu besonders auszuzeichnen.
Die ganze Frage wird im größeren Zusammenhang
des frühchristlichen Nachdenkens über den Lebensanfang
Jesu zu sehen sein. Wie Mk 3, 31-35 erkennen läßt, will
er gar nichts über die näheren oder entfernteren verwandtschaftlichen
Grade sagen. Sein Thema ist "Nachfolge": Alle, die bereit
sind, Jesus nachzufolgen, treten mit ihm in eine geistige Verwandtschaft.
Die Stelle Mk 6, 3 scheint darüberhinaus das Menschsein Jesu
und seine "normale" bürgerliche Existenz unterstreichen
zu wollen; anders als in der Meinung der Leute in Nazareth besteht
überhaupt kein Gegensatz zwischen menschlichen Verwandtschaftsbeziehungen,
dem Zimmermannsberuf und der messianischen Vollmacht Jesu.
Gott, laß uns entdecken,
wo der Grund unserer Angst liegt -
aufzubrechen und etwas Neues zu wagen,
zu sagen, was an der Zeit ist,
mit dem zu beginnen,
wovon wir längst wissen: Wir sollten es tun,
zu lieben auch ohne Netz und doppelten Boden.
Du mußt uns anrühren, Gott,
damit uns die Augen aufgehen für die Fülle des Lebens.
aus: Koeppen/ Spennhoff/ Wolf (Hrsg.), Spuren des
Lebens, Stuttgart 1994, S. 49.
oder:
Herr, laß mich in den kommenden Tagen
Zeit haben für dich,
Zeit haben für mich,
Zeit haben für die anderen,
die mit mir auf meinen Wegen wandeln.
M. Frigger, Zeit für mich - Zeit für Gott,
Freiburg 1986, S. 28.
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