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Worin zeigt sich, daß wir Menschen Gottes Ebenbild sind?

Die Bibel unterscheidet die Schöpfung des Menschen von der übrigen Schöpfung. Die zweite Schöpfungserzählung (Gen 2) spricht fast nur vom Menschen. Die erste Schöpfungserzählung (Gen 1) bringt dasselbe zum Ausdruck, indem sie den Menschen als Gottes Ebenbild beschreibt.
Beginnend mit den Kirchenvätern hat man versucht, die Gottesebenbildlichkeit an bestimmten Vorzügen des Menschen festzumachen: am aufrechten Gang, an der Herrschaft über die übrige Schöpfung, an der Geistseele, am menschlichen Verstand oder dem freien Willen. Diese Vorzüge bestehen, setzen aber voraus, daß sich der Mensch mit der übrigen Schöpfung, besonders den Tieren, vergleicht. Damit gerät aber das Verhältnis des Menschen zu Gott aus dem Blick. Von allen Geschöpfen können nur wir es vernehmen, wenn Gott uns anspricht; nur wir können antworten! Daran wird erkennbar, daß der Mensch als Partner Gottes geschaffen und zu einer Gemeinschaft mit ihm berufen ist. Die Hinwendung zu Gott und die Anerkennung des Unterschieds von Schöpfer und Geschöpf gehören zu unserem Menschsein dazu; fällt diese Seite durch menschliche Verweigerung aus, entsteht eine Lücke, weil eine der uns möglichen Beziehungen stumm bleibt.

"Gottesebenbildlichkeit" zeigt sich am tiefsten darin, daß jeder Mensch in einem Beziehungsgeflecht steht, das ein unvollkommenes und gefährdetes Abbild der Beziehung zwischen Vater, Sohn und Hl. Geist ist. (1) Die Beziehung zu Gott ist der Grund unseres Da-Seins, in ihr erkennen wir erst, warum wir sind bzw. so sind. Sie verleiht uns eine unzerstörbare Würde, die ihrerseits die Gleichheit aller Menschen und die Heiligkeit jedes menschlichen Lebens begründet. Menschen können die Beziehung zu Gott vergessen, verdrängen oder verdrehen, aber sie können sie ebensowenig abstreifen wie ihr Menschsein. (2) Unsere Partnerschaft mit Gott spiegelt sich in den Beziehungen untereinander. Beide sollen von Liebe geprägt sein: Gottes- und Nächstenliebe. Ohne Beziehung zu anderen kann kein Mensch leben und zur Entfaltung kommen. (3) Jeder Mensch steht in einer Beziehung zur übrigen Schöpfung. Die vielzitierte Herrschaft über die Welt gibt keinen Freibrief zu willkürlicher oder egoistischer Ausbeutung, sondern begründet - nach dem Bild der Herrschaft Gottes und des alttestamentlichen idealen Königs - Fürsorge und Verantwortung. (4) Schließlich steht jeder Mensch in einer Beziehung zu sich selbst. Wir können über uns selbst lachen, uns über uns selbst freuen oder ärgern, mit uns zufrieden oder unzufrieden sein. Wir haben nicht nur eine Außen-, sondern auch eine Innenseite. In ihr nehmen wir unseren Wert als einmaliger, unverwechselbarer Mensch wahr; in ihr werden wir uns der Verantwortung für unser eigenes Tun und Lassen bewußt. Darin wurzeln Selbstachtung und Selbstliebe.

Erst in Jesus Christus erschließt sich voll, was Menschsein bedeutet. Er ist das Bild Gottes schlechthin (vgl. 2 Kor 4, 4; Kol 1, 15), weil er die Gottesebenbildlichkeit des Menschen erfüllt. Anders ausgedrückt ist er als Sohn Gottes zugleich der "neue Adam", der neue Mensch (vgl. 1 Kor 15, 47 ff; Röm 5, 14). Je inniger unsere Gemeinschaft mit ihm wird, um so mehr nähern wir uns dem an, was Gott bei der Schöpfung in uns angelegt hat. Wer einen vertieften geistlichen Zugang dazu sucht, kann ihn finden, indem z. B. das uralte Christuslied Eph 1, 3-12 zum Gegenstand einer Betrachtung gewählt wird.

Herr,
mein Wort ist nicht genug.
Ich will schweigen, damit ich lerne,
dein und mein Wort zu unterscheiden.
denn ich möchte dein
und nicht mein eigener Mund sein.
Gib du mir mein Wort.

aus: J. Zink, Wie wir beten können, Stuttgart 1973, S. 19.

 

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