Warum brauchte das Erlösungswerk Christi
einen Verräter?
Es gehört zu den erschütterndsten Tatsachen
des Leidensweges Jesu, daß Judas, einer der Apostel, zum Verräter
wurde. Was Jesus geschehen war, suchte die Urkirche aus dem Alten
Testament zu ergründen. Sie fand in Psalm 41, 10 die Klage
über einen ähnlichen Vertrauensbruch. Nach Ex 21, 32 betrug
die Entschädigung für einen Sklaven dreißig Silberschekel;
der angefeindete Prophet Sacharja bezog diesen Vers vorwurfsvoll-spöttisch
auf sich selbst (Sach 11, 12 f). Diese und weitere Stellen bieten
nur Anklänge; sie halfen jedoch zu verstehen, warum der Messias
einen Leidensweg gegangen war. Die Wendung "Das mußte
geschehen" steht für die mühsam gewachsene Erkenntnis
der Urkirche, nicht für einen logisch zwingenden Zusammenhang.
Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, neben Jesus den Verräter
vorzufinden, daß manche meinen, neben "heilig" müsse
notwendigerweise "böse" stehen. So wirkt es überraschend,
wenn der große Theologe und geistliche Lehrer Romano Guardini
im Buch "Der Herr" schreibt: "Wenn wir so gedacht
haben, dann haben wir töricht gedacht, denn es ist in keiner
Weise notwendig, daß sich wider den 'Heiligen Gottes' (Lk
4, 34) der Verrat erhebt." Guardini spricht von töricht,
weil unausgesprochen vorausgesetzt wird, daß Gott den Judas
planvoll zum Verräter macht und mit diesem willenlosen Werkzeug
den Weg Jesu nach Golgotha erzwingt. Die Evangelien schildern dagegen
eine Entwicklung um Jesus: er wird mißverstanden, vereinnahmt,
verkannt, abgelehnt, verlacht, verlassen und schließlich gewaltsam
zum Schweigen gebracht. Das Kreuz auf Golgotha wird zum Inbegriff
dessen, was Menschen anderen antun können; der Verrat des Judas
ist nur ein Glied der langen Kette. Jesus läßt sich zum
Sündenbock machen, dem alles aufgeladen wird, was an menschlicher
Bosheit aus dem Herzen kommt; als der wahre Gottesknecht trägt
er die Last anderer nach Golgotha.
Dennoch: Wie konnte es zum Verrat Jesu durch einen
Freund kommen? Ein Antwortversuch kreist um das Wort "Geldgier";
doch was erklären die 30 Silberstücke wirklich? Ein anderer
Erklärungsversuch sieht Judas als Opfer einer falschen Messiasvorstellung:
Judas war überzeugt, daß Jesus als Messias das Reich
Davids wiederherstellen könne. Jesus schien dazu unentschlossen;
so faßte Judas den Entschluß, Jesus zu zwingen, seine
messianische Macht zu gebrauchen. Romano Guardini baut dagegen auf
geistliche Einsichten: Judas war zum Apostel berufen und konnte
es in aller menschlichen Schwäche auch sein. Trotz Joh 6, 70
war Judas kein Verräter, er wurde dazu. Dann müssen auf
dem Weg der Nachfolge Glaube und Umkehrbereitschaft erlahmt sein.
Johannes bringt eine längere innere Entwicklung auf den Punkt:
Beim letzten Abendmahl zeigt Jesus seine Liebe zu den Aposteln in
der Fußwaschung. Er reichte Judas ein Stück Brot, was
nach dem Ritus des Paschamahles Zeichen besonderer Zuwendung war
(Joh 13, 26 f). Gerade bei diesem persönlichen Liebeserweis
versteinerte das Herz des Judas im Bösen. Verraten kann man
nur, was einem anvertraut war: Jesus als die menschgewordene Liebe
des Vaters. Guardini schreibt: "Gott hören, heißt
Gott aufnehmen. An Gott glauben, heißt in in Treue aufnehmen.
Der Gott, an den wir glauben, gibt sich in die Gewalt unseres Herzens
und
Glaubens." Herzen können versteinern, wenn die Liebe erkaltet;
Glaube kann zerbröckeln, wenn nur noch eigene Vorstellungen
gelten dürfen. Geistliches Wachstum kann verdorren, wenn die
Bereitschaft zum Hören und Umkehren erlischt. So enthüllt
Judas etwas von den Möglichkeiten jedes Menschen.
Herr, mein Gott,
du, die eine Hoffnung, die ich habe,
erhöre mich,
daß ich nicht müde werde, nach dir zu fragen,
sondern allzeit brennend nach deinem Antlitz suche.
((Dich will ich im Sinn haben,
dich verstehen,
dich lieben.))
Augustinus, in: action 365, Beten im Alltag, 1993,
S. 18.
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