Darf man von Gott als Mutter reden?
Als Papst Johannes Paul I. in einer Ansprache sagte,
daß Gott uns liebt wie eine Mutter, rief das völlig überflüssige
Diskussionen hervor. Denn im Buch Jesaja heißt es: "Wie
eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch"
(Jes 66, 13). Und: "Doch Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen,
Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen,
eine Mutter ihren leiblichen Sohn?" (Jes 49, 14 f). Es mag
ungewohnt sein, die Liebe Gottes mit Mutterliebe zu vergleichen;
Neues wurde nicht gelehrt. Man erkennt an der ganzen Aufregung nur,
wie wenig wir die Schrift ausschöpfen und wie dicht unter der
Oberfläche unseres Christseins überflüssige Ängste
lauern. Das ist um so bedauerlicher, wenn Worte solcher Tiefe und
Innigkeit vergessen oder verdrängt werden.
Es trifft zu, daß die Textstellen zahlreicher
sind, in denen von Gott als Vater die Rede ist. Im Alten Testament
wird die Erwählung Israels zu Gottes Volk dankbar als Vater-Sohn-Verhältnis
zur Sprache gebracht (z.B. Ex 4, 22). Ähnliches gilt, wenn
der König Israels als Sohn Gottes bezeichnet wird (z.B. 2 Sam
7, 14; Ps 2, 7). In einer dritten Textgruppe spielt der Gedanke
der Ehrerbietung (Mal 1, 6), der väterlichen Liebe oder des
Erbarmens die tragende Rolle (vgl. Hos 11, 1; Ps 68, 6; Ps 27, 10;
Ps 89, 27). Auf einfachste Weise wird vermittelt, daß wir
uns Gott anvertrauen dürfen und er sich um uns sorgt. Gemeinsam
ist den alttestamentlichen Stellen, daß Gott wie ein guter
Vater oder wie eine liebende Mutter zu uns steht. Es handelt sich
um Vergleiche, die etwas über Gott mitteilen wollen.
Jesus hat die Nähe Gottes als das Kommen der
Herrschaft seiner Liebe verkündet. Damit gab er den alttestamentlichen
Aussagen über Gott einen neuen Brennpunkt. Ebenfalls neu ist,
wie intensiv Jesus von Gott als Vater spricht. Mehr noch: er redet
ihn erstmals als "abba" (Vater) an! Getreu dem Sprachgebrauch
Jesu war die aramäische Form "abba" selbst griechisch
sprechenden Gemeinden vertraut (vgl. Gal 4, 6; Röm 8, 15).
"Abba" gehört zur kindlichen, familiären Sprache
wie "Papa". Jesus wagt diese für damalige Ohren skandalöse
Anrede, weil sie in einem Wort das Zentrums seiner Verkündigung
zusammenfaßt: Gott ist dem Menschen in Liebe nahe. Wir dürfen
uns bei ihm vertrauensvoll bergen. Als Vater weiß Gott, was
seine Kinder brauchen. Kindsein gegenüber Gott ist das Kennzeichen
der Königsherrschaft Gottes (Mt 18, 3).
Gott ist Geist, er ist die Liebe; er hat keinen Körper
und somit auch kein Geschlecht. Das Gegenteil zu lehren, lag Jesus
völlig fern. Die Treue gegenüber Jesu ureigenstem Wort
und einem Zentralbegriff seiner Verkündigung sollte Anlaß
sein, von Änderungen am Schrifttext und bei der Gebetsanrede
"Vater" abzusehen. Merkwürdigerweise verwendet die
Kirche im Meß- und Studenbuch die Gebetsanrede "Vater"
eher selten! Und wie würde die Gemeinde reagieren, wenn ein
Meßgebet lautete: "Papa, du bist uns nahe..."? Dabei
hat Jesus so gebetet! Abgesehen davon kann Gottes Liebe und Zuwendung
sehr einprägsam mit mütterlicher Liebe verglichen werden,
ohne daß dies Ängste hervorzurufen braucht. Davon macht
das jüngst von Rom bestätigte Hochgebet "Jesus, der
Bruder aller" geistlich tiefen Gebrauch: "Sein (Jesu)
Leben und seine Botschaft lehren uns, daß du für deine
Kinder sorgst wie ein guter Vater und eine liebende Mutter."
Barmherziger Gott,
du hast durch deinen Sohn zu uns gesprochen.
Laß uns immer wieder über dein Wort nachsinnen,
damit wir reden und tun, was dir gefällt.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
Stundengebet der Kirche
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