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Ist an anderen Religionen etwas Wahres?

Lange Zeit hat sich diese wichtige Frage in unseren Breiten nicht gestellt. Die alles beherrschende Rolle des Christentums verleitete dazu, Nichtchristliches nicht wahrzunehmen oder als Fremdkörper in einer heilen Welt abzuwerten, mit oft schrecklichen Folgen. Oft genug wurde Religion mit Machtpolitik verknüpft; entstanden sind Feindbilder. Das Pauschalurteil lautete jahrhundertelang: jenseits der christlichen Reiche Europas regiere Finsternis, Ablehnung von Gotteserkenntnis, Irrtum.

So dürfte es manchen überraschen, daß bereits die frühe Kirche genauer zu unterscheiden wußte! Der Kirchenvater Justin der Märtyrer (+165) stieß als erster auf das Problem: Wie sollte er in einer Verteidigungsschrift an den römischen Kaiser das Verhältnis des Christentums zum Judentum und dem griechisch-römischen Heidentum erklären? Er ging von der Vorrede zum Johannesevangelium aus, in der Christus als das göttliche Wort gepriesen wird. Von Christus heißt es mit Blick auf die Schöpfung: "Alles ist durch das Wort geworden" (Joh 1, 3). Da jeder Mensch Geschöpf ist, besitzt jeder einen keimhaften Anteil am göttlichen Wort. Bei manchen brachte dieser Keim die größtmögliche Frucht, wie z.B. bei Abraham und den Propheten. Bei anderen, wie bestimmten griechischen Philosophen, brachte der Keim soviel Frucht, wie sie Wahres über Gott gelehrt hatten. Diese Philosophen hatten z.B. mit den Möglichkeiten des menschlichen Verstandes die Welt untersucht und erkannten richtigerweise, daß sie von Gott erschaffen ist. Das Bild vom Keim des göttlichen Wortes, das Frucht bringt, eröffnet bis heute einen vergleichsweise einfachen Weg, um zu erklären, daß es in anderen Religionen Wahres gibt, und warum es so ist!

Nachdem das keimhafte göttliche Wort im Volk Israel die größtmögliche Frucht gebracht hat, wird zur Zeitenwende in Christus die Fülle des Wortes Mensch. Mit Rücksicht auf diese Fortentwicklung wird erst verständlich, warum Jesus von sich sagt: "Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen!" Weiterhin wird klar, warum die Schriften der alttestamentlichen Propheten auf Christus hin ausgelegt werden können und warum es dabei nicht auf eine wörtliche Übereinstimmung ankommt: Prophetie ist keine Wahrsagerei, sondern Frucht aus dem Keim des göttlichen Wortes, desselben Wortes, das später in Christus Fleisch wurde! Generell beruhen die Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Christentum nicht nur auf der Geschichtsentwicklung, sondern darauf, daß dasselbe göttliche Wort wirksam wurde - wenn auch in sich steigernder Intensität. Die Lehre Justins bewährt sich sogar zur Deutung späterer Entwicklungen, die er noch gar nicht kennen konnte. Der Islam trägt Wahres in sich, insofern Querverbindungen zum Alten bzw. Neuen Testament bestehen, z.B. darin, daß es nur einen Gott gibt. Darüberhinaus trägt der Islam insoweit Wahres in sich, als mit den Mitteln menschlicher Vernunft Spuren Gottes richtig erkannt wurden.

Justins Lehre wirkt fort in der Erklärung des II. Vatikanischen Konzils über die nichtchristlichen Religionen; dort heißt es, daß sie nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. Wo immer der letzte Schritt zu Christus, dem Weg, der Wahrheit und dem Leben (Joh 14,6) fehlt, ist es ein unverzichtbarer Dienst, Christus zu verkünden. Das geschieht nicht nur durch Missionare, sondern durch das gelebte Christentum eines jeden von uns.

Wenn der Mensch
nicht für Gott geschaffen wurde,
warum ist er dann nur glücklich in Gott?
Wenn der Mensch
für Gott geschaffen wurde,
warum steht er dann so sehr im Widerstreit zu Gott?

Blaise Pascal, Worte, die befreien, Freiburg 1977, S. 82.

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