Opfer für Gott?
In einem Brief lese ich: "Ein Opfer zu karitativen
oder sozialen Zwecken ist anerkannt und hat einen guten Ruf. Ein
Opfer für Gott dagegen ist fast nicht denkbar (...)".
Mit gutem geistlichen Spürsinn hat der Briefschreiber einen
Gegensatz eingefangen, der in Psalm 50 durchdacht wird: "Hätte
ich Hunger, ich brauchte es dir nicht zu sagen, denn mein ist die
Welt und was sie erfüllt. Soll ich denn das Fleisch von Stieren
essen und das Blut von Böcken trinken? Bring Gott als Opfer
dein Lob und erfülle dem Höchsten deine Gelübde"
(Ps 50, 12 ff).
Das Psalmwort möchte falsche Opfervorstellungen
korrigieren, konkret die Vorstellung, Gott müsse mithilfe von
Opfern ernährt werden. Eine so massive menschliche Sicht von
Gott ist nicht die einzige Fehlentwicklung. Die Propheten laufen
Sturm, wenn das Volk mithilfe der Opfer von Gott einen bestimmten
Erfolg erkaufen möchte. Mit harten Worten kritisieren sie,
wenn das Opfer im äußerlichen steckenbleibt und sich
die innere Einstellung von Gott abwendet. "Bring Gott als Opfer
dein Lob" rückt beispielhaft zurecht: Gott zeigt sich
als gegenwärtig in unserem Leben, er ist da. Was anderes als
sein Handeln an uns kann Thema des Gotteslobes sein? "Ihr alle,
die ihr Gott fürchtet, kommt und hört; ich will euch erzählen,
was er mir Gutes getan hat" (Ps 66, 16). Das Lobopfer hat die
richtige Perspektive: es nützt nicht Gott, sondern dem Menschen!
Durch das Lob Gottes werden seine Taten zur Sprache gebracht, richtet
man sich auf Gott aus, "geht das Herz auf".
Jesus hat vereinzelt Menschen direkt aufgetragen,
das nach dem Gesetz vorgeschriebene Opfer darzubringen (vgl. z.B.
Mt 8, 4). Dabei handelte es sich um Kranke, die er in der Kraft
Gottes geheilt hatte. Da sie Gottes Güte in ihrem Leben unmißverständlich
erfahren hatten, konnte bei ihnen das "Lobopfer" als die
entscheidende innere Haltung vorausgesetzt werden. Andererseits
stellt Jesus die Versöhnung mit dem verfeindeten Bruder vor
das Opfer und damit über es (vgl. Mt 5, 23 f). Häufiger
greift er die härteste Opferkritik der Propheten auf, wenn
er die von ihnen bekämpften Zustände vorfindet (vgl. z.B.
Mk 7, 6 f mit Jes 29, 13). Auf die Kritik der Pharisäer an
seiner Zuwendung zu Zöllnern und Sündern antwortet Jesus:
"Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken"
(Mt 9, 12 f). Dann zitiert er Hos 6, 6: "Liebe will ich, nicht
Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer". Das meint
er wörtlich, in seiner ganzen Tragweite!
Jesu gibt das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe.
Barmherzigkeit, Versöhnungsbereitschaft, Gotteslob sind einzelne
Aspekte dieses Gebots. Solche inneren Haltungen stellen den richtigen
Blickwinkel auf Gott und die Mitmenschen her und zeigen in der nötigen
Klarheit, was es zu tun gilt. An Gottes- und Nächstenliebe
"hängt das ganze Gesetz samt den Propheten" (Mt 22,
40), nicht nur im Sinn einer radikalen Zusammenfassung. Das Liebesgebot
zu erfüllen ist Opfer, wie es nach Gesetz und Propheten sein
soll! Falsche Vorstellungen oder der manchmal irreführende
Sprachgebrauch um "Fastenopfer", "Freitagsopfer"
u.ä. werden durch das Doppelgebot der Liebe entlarvt. Beispielsweise
ist eine Spende für karitative Zwecke nicht deshalb Opfer,
weil es mit Geldausgeben zu tun hat, sondern weil sich der Geber
im Sinn des Liebesgebots an der Unterstützung Bedürftiger
beteiligt.
Seht, es kommen Tage
- Spruch Gottes, des Herrn -,
da schicke ich den Hunger ins Land,
nicht den Hunger nach Brot,
nicht Durst nach Wasser,
sondern nach einem Wort des Herrn.
Amos 8, 11
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