"Den Tag über habe ich keine ruhige
Minute. Abends nichts zu tun zu haben, erschreckt mich. Was habe
ich aber letzten Endes von all dem Umtrieb?"
Als Kinder unserer Zeit leben wir nach den heute gültigen
Werten. Eine Spitzenposition nimmt darunter ein, dabeizusein, etwas
zu bewegen oder zu erreichen. Zweifellos muß für vieles
gesorgt werden. Manche Menschen haben die gültige Wertordnung
aber so verinnerlicht, daß sie meinen, etwas zu verpassen,
wenn sie einmal nicht irgendwelche Erwartungen erfüllen. Da
vor allem die Menschen etwas gelten, die etwas leisten, verbindet
sich die Angst, zu kurz zu kommen, oft mit der Angst, nicht (mehr)
anerkannt zu werden. Wem dieser Zusammenhang nicht bewußt
ist, mag z.B. Fernsehwerbung danach befragen, welche "Typen"
vorkommen und welches Menschenbild als "normal" vermittelt
wird.
Ein aufmerksamer Beobachter wird feststellen, daß
es keineswegs nur in der Werbung merkwürdige Lücken gibt.
Der Zug der Zeit fährt für die als erstes ab, die aus
irgendwelchen Gründen nicht mithalten können. Gilt Krankheit
als zu lösendes medizinisches Rätsel oder als menschliches
Problem? Ist Behinderung auch dann Thema, wenn es keine außergewöhnlichen
Leistungen zu bestaunen gibt? Ist Alter ein Lebensabschnitt eigenen
Werts oder eine Phase, für die vor allem das Leistungsvermögen
junger Menschen Maßstab ist? Das Thema Tod scheint mehr oder
weniger auf Statistiken, Unfallmeldungen oder Leichenzahlen reduziert;
wer spricht vom Tod als Ernstfall des Lebens?
Sich solche Fragen zu stellen, ist nützlich.
Jesus hat ähnliche gestellt: "Sobald ihr im Westen Wolken
aufsteigen seht, sagt ihr: Es gibt Regen. Und es kommt so. (...)
Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum
könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten (Lk 12,
54.56)?" Die Zeichen der Zeit zu deuten ist mehr als eine kritische
Anmerkung; es ist die Suche nach dem Fehlenden!
Wer wie Sie nach dem Sinn der derzeitigen Lebensgestaltung
fragt, ist solchen Lücken bereits auf der Spur. Die Frage nach
"Sinn" und erst recht die Antwort hat mit Gott zu tun.
Um vom Fragen zu einer Antwort voranzuschreiten, sollte man den
Mut finden, innezuhalten, Ruhe auszuhalten und schweigend in die
Stille hineinzuhören; Gott antwortet in ihr mit der "Stimme
schwebenden Schweigens" (1 Kön 19, 12 nach der Übersetzung
Martin Bubers). Stille ist etwas anderes als Abwesenheit von Geräuschen
oder ein Verstummen vor unbewältigten Problemen; echte Ruhe
hängt mit der Erfahrung tiefer Geborgenheit zusammen. Der Psalmbeter
schaut auf solche Erfahrungen zurück, wenn er sagt: "Bei
Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe" (Ps 62, 2); "Sei
still vor dem Herrn und harre auf ihn (Ps 37, 7)!"
Diesem Ruhen in Gott als innerer Stille dient es,
wenn in den Lebensrhythmus immer wieder Zeiten der äußeren
Ruhe und Zurückgezogenheit eingepflanzt werden. Wem das fremd
geworden ist, bedarf einiger Übung, während der die Stille
auch einmal als Belastung erfahren wird; immer muß dabei im
Auge behalten werden, daß das Ziel weder in einer Verherrlichung
von Isolation noch in einer Flucht vor der Wirklichkeit besteht.
Der Weg von äußerer zu innerer Ruhe ist vielmehr der
Weg zu einer vertieften Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen
und zu Gott. In diesen Bereichen Nachholbedarf zu orten und
"Beziehung" in ihrem ganzen Reichtum neu zu entdecken,
gehört meiner Ansicht nach zu den wichtigen Deutungen der Zeichen
unserer Zeit.
Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich meinte erst, Beten sei Reden.
Ich lernte aber, daß Beten nicht bloß Schweigen ist,
sondern Hören.
Beten heißt nicht, sich selbst reden hören.
Beten heißt: Still werden und still sein
und warten, bis der Betende Gott hört.
Sören Kierkegaard, in: M. Frigger, Zeit für
mich - Zeit für Gott, Freiburg 1986, S. 18.
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