Eine Stimme unter vielen?
Der Briefschreiber versucht mit viel gutem Willen,
es jedem recht zu machen. Erreicht wird damit nichts außer
der Erfahrung, sich in den verschiedensten Meinungen und Ratschlägen
zu verlieren. Zu den Schwierigkeiten mit anderen Menschen tritt
der Eindruck, Gottes Willen nicht mehr "greifen" zu können.
Gott sei wie eine Stimme unter vielen.
Jesus fragte einmal seine Jünger: Für wen
halten die Leute den Menschensohn? Sie sagten: Die einen für
Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für
Jeremia oder sonst einen Propheten" (Mt 16, 13f). Es gab ein
Gewirr von Meinungen über Jesus. Dabei hatten die Leute nicht
einmal ganz unrecht: Jesus verkündete den Anbruch des Gottesreichs,
Johannes das bevorstehende Eingreifen Gottes. Wie beim Wundertäter
Elija hatten die Wunder Jesu nachhaltigen Eindruck hinterlassen.
Vergleichbar dem Propheten Jeremia schien der Ruf Jesu zur Umkehr
weitgehend ungehört zu verhallen. Eine ganze Reihe von Worten
und Taten Jesu erinnerte schriftbewanderte Juden nicht von ungefähr
an einen Propheten. Trotz dieser Anklänge lagen die Leute falsch,
weil sie Teilaspekte für das Ganze hielten!
Jesu fragte die Jünger: "Ihr aber, für
wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias,
der Sohn des lebendigen Gottes" (Mt 16, 15f). Das ist der Kernpunkt.
Er wird nicht von selbst entdeckt; Jesus führt durch sein Fragen
zu ihm hin. Erst der sanfte Druck, sich auf eine der vielen Meinungen
festlegen zu sollen, deckt deren Oberflächlichkeit auf. Ein
geänderter Blickwinkel eröffnet den Blick aufs Ganze.
Dahin zu gelangen, ist nicht mehr (allein) Verdienst des Petrus,
sondern geschenkte Einsicht. Auf sie konnte eine Kirche gebaut werden.
Wenn Gott nur mit einer Stimme unter vielen zu sprechen
scheint, mag dieser letzte Schritt fehlen. Die Frage lautet: Wer
ist Gott für mich? Wer ohne Ausflüchte versucht, in betrachtendem
Nachdenken die Antwort zu formulieren, geht einen geistlichen Schritt
nach vorn. Denn eine klare Antwort auf diese Frage schenkt Orientierung.
Der eine entdeckt vielleicht, daß er bislang
von Gott nur ein paar Scheiben abgeschnitten hat, die gerade gefielen
oder nützlich waren; der andere mag bemerken, daß Gott
bislang eher als nebelhafter Begriff statt als prägende Kraft
im eigenen Leben vorkam. Gelangt man dazu, solche Vorläufigkeiten
hinter sich zu lassen, gewinnt das geistliche Leben einen festen
Punkt, an dem die ständige Vergewisserung über den richtigen
Kurs möglich wird. Die eine wirklich maßgebliche Stimme
wird immer deutlicher hörbar.
Ein fester Orientierungspunkt im geistlichen Leben
wird seine prägende Kraft nicht nur in der Beziehung zu Gott,
sondern auch im menschlichen Miteinander entfalten. Wer selbst aus
der Erfahrung lebt: "Gott hat uns besucht und befreit",
kann diese Befreiung auch im Verhältnis zu anderen Menschen
fruchtbar machen; dazu gehört, eine falsche Abhängigkeit
von wechselnden Stimmungen und Meinungen zu überwinden. Dem
dient in höchster Form das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe.
Dieses Gebot ist die Wurzel, aus der die vielen konkreten Anwendungen,
Beispiele und Mahnungen herauswachsen. Vom Christentum geprägtes
Leben kann nicht aus einem beliebigen Anknüpfungspunkt herauswachsen.
Christliches Denken und Handeln wurzelt im Wesentlichen: der gestaltenden
Kraft gelebter Liebe!
Im Licht des Glaubens bin ich stark, standhaft und beharrlich;
im Licht des Glaubens hoffe ich:
das läßt mich nicht schwach werden auf dem Weg,
und ohne dieses Licht ginge ich in der Finsternis.
Darum, ewiger Vater, mögest du mich mit dem Licht des Glaubens
erleuchten.
Katharina von Siena, in: Die Weisheit der Heiligen,
Stuttgart 1991, S. 42
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