Warum bekräftigt Jesus das jüdische
Gesetz und hebt es dann an anderer Stelle auf?
Zwei Ausgangsbedingungen für das Verständnis
der Haltung Jesu zum jüdischen Gesetz müssen vorangestellt
werden: (1) Das Alte Testament ist Glaubensbuch, insofern in ihm
Gottes Offenbarungen an sein Volk und die Gotteserfahrungen Israels
niedergelegt sind; zugleich ist es Gesetzbuch, weil sich aus der
Erwählung Israels die Forderung ergibt, dem Willen Gottes gemäß
zu leben. Dieser Weg des Glaubens und der Antwort auf Gottes Zuwendung
erstreckt sich über viele Jahrhunderte; entsprechend vielschichtig
ist die Überlieferung. (2) Nach der Rückkehr Israels aus
dem "Babylonischen Exil" wurde der Text des Gesetzes noch
einmal in die aktuelle Situation hineingestellt. Danach galt es
als Sammlung unveränderbarer Rechtssätze; für die
Umsetzung in neue Verhältnisse sorgte in der Folge die mündliche
Überlieferung der Schriftgelehrten. Schriftliches Gesetz und
mündliche Auslegung erhielten in der Theologie der Rabbiner
gleiche Würde und Geltungskraft. Diese Lage traf Jesus an,
als er mit seiner Verkündigung begann.
In den Evangelien, selbst innerhalb dessselben Evangeliums,
stehen tatsächlich sehr unterschiedliche Aussagen zum Gesetz
nebeneinander. Einmal heißt es z.B., daß eher Himmel
und Erde vergehen, als daß ein Häkchen des Gesetzes vergeht
(Mt 5, 18). Beim "Ich aber sage euch..." der Bergpredigt
wird dagegen nach demselben Evangelisten weit mehr als ein Häkchen
aufgehoben! Bei Mk 7, 13 z.B. scheint nur die Auslegung des Gesetzes
durch Schriftgelehrte und Pharisäer der Kritik Jesu zu unterliegen,
wobei das Wort Gottes von falschen Interpretationen befreit werden
soll.
Entsprechend diesen drei Beispielen gruppieren sich die Meinungen
der Forscher. Vor allem jüdische Gelehrte verstehen die Tätigkeit
Jesu lediglich als neue Auslegung, wobei er den Buchstaben des Gesetzes
innerlicher gedeutet hätte. Einer radikal entgegengesetzten
Meinung zufolge habe Jesus mit dem Alten Testament gebrochen und
eine neue Gottesbotschaft verkündet. In der kirchlichen Überlieferung
hat sich eine mittlere Linie durchgesetzt, die an der Darstellung
des Matthäus anknüpft; als Schlüsselsatz gilt: "Glaubt
nicht, daß ich gekommen bin, das Gesetz und die Propheten
aufzuheben; ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu
erfüllen" (Mt 5, 17). "Erfüllung des Gesetzes"
ist das Stichwort, das einen tiefen spirituellen Zugang zu den meisten
Stellen eröffnet. "Erfüllung" setzt grundsätzliche
Bekräftigung des alttestamentlichen Gesetzes voraus, klebt
nicht am Buchstaben, läßt falsche Auslegungen hinter
sich und kann sich souverän über Einzelbestimmungen wie
die Reinheitsgesetze hinwegsetzen. "Erfüllung" sieht
den Sinn des Ganzen und überbietet kleinliche Gesetzesbeobachtung.
Wer sich mit einer Textstelle des Neuen Testaments
zum Thema "Gesetz" auseinandersetzt, sollte vier Eckpunkte
nie außer acht lassen: die jüdische Herkunft und Erziehung
Jesu, seine beispiellose messianische Vollmacht, die Tatsache, daß
Jesus den Gott des Alten Testaments als "abba" (Vater)
verkündet und die Tatsache, daß er keine geschlossene
Lehre über das Gesetz verkündet hat. In diesem Viereck
mögen unterschiedliche Akzente vorkommen. Gute Gründe
sprechen dafür, daß es der Kirche gelungen ist, mit dem
Stichwort "Erfüllung des Gesetzes" sowohl dem historischen
Jesus als auch der Entwicklung nach Ostern sehr treffend Rechnung
zu tragen.
Durch alle Gebote, so verschieden auch ihr Inhalt sei, will Gott
im Grunde immer nur das eine vom Menschen, ihn selbst. Es kann für
den Menschen nur das unbedingt geboten sein, worin sich seine totale
Preisgabe an Gott Ausdruck geben kann und soll.
Bruno Schüller, in: Schott Meßbuch I,
S. 314
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