"Kaum sind wir nach der Messe wieder
zu Hause, geht das Streiten wieder los. 'Frieden' ist bei uns ein
Fremdwort!"
Der Herzenswunsch vieler Menschen nach Sicherung des
Friedens zwischen Völkern hat in Erinnerung gerufen, daß
wir Christen zu diesem Thema Wichtiges zu sagen wissen. Darüber
ist ein wenig in den Hintergrund getreten, daß Frieden auch
eine Lebensperspektive einzelner Menschen, der Familien und im Verhältnis
des Menschen zu Gott ist. Schmerzliche Erfahrungen wie die des Briefschreibers
rufen das in Erinnerung! Ein Beitrag zum Christsein im Alltag kann
den in einer Familie zerbrochenen Frieden nicht einfach zusammenkleben,
ebensowenig wie die Friedensbotschaft des Christentums ohne weiteres
Waffen zum Schweigen bringt. Trotz dieser Grenzen mag es nützlich
sein, einen Blick auf die Erfahrungen großer geistlicher Lehrer
zu werfen, um sich der Wurzel des Problems anzunähern.
Ein kurzes Wortgefecht ist bald wieder vergessen.
Verhärten sich die Fronten zu einem Dauerkonflikt, ist nach
einem Wort des Kirchenlehrers Johannes Chrysostomos mit dem Frieden
die "Quelle des Guten" und die "Vorbedingung jeder
Freude" dahin. "Der Friede ist ein so hohes Gut, daß
die, welche Frieden stiften und herstellen, Kinder Gottes genannt
werden (Mt 5, 9). Mit Recht, da auch der Sohn Gottes dazu auf die
Erde gekommen ist, um Frieden zu bringen."
Der hl. Augustinus hat beobachtet, daß Friede
auf "geordneter Übereinstimmung" beruht: Ich lebe
im Frieden mit mir selbst, wenn ich tue, was ich als richtig erkannt
habe. Ebenso setzt ein innerer Friede des Menschen voraus, daß
seine körperliche und seelische Dimension gleichermaßen
berücksichtigt wird. Frieden zwischen Menschen besteht nur,
wenn verschiedene Interessen, verschiedene Sichtweisen oder verschiedene
Ziele in Einklang gebracht werden. Der Friede zwischen Mensch und
Gott besteht "in dem geordneten, im Glauben betätigten
Gehorsam gegen das ewige Gesetz", d.h. wenn wir uns bemühen,
Gottes Willen zum Lebensmaßstab zu machen.
Sind das Binsenweisheiten? Ich glaube nicht! Viele
Menschen leiden darunter, daß sie mit sich selbst faule Kompromisse
schließen und sich z.B. mit Mitteln durchsetzen, die sie selbst
für schlecht halten. Wieviele sind unglücklich, weil Sorge
um äußeres Wohlergehen noch nicht die Sehnsucht nach
einem erfüllten Menschsein stillt. Wieviele leben in einer
Familie einsam, weil nach einem "totalen Sieg" der eigenen
Bedürfnisse und Vorstellungen mit dem Mitmenschen auch die
Gemeinschaft zerbrochen ist? Wirkliche Zufriedenheit beruht dagegen
auf einem inneren Gleichgewicht sehr verschiedener Kräfte im
Menschen oder zwischen Menschen. Das heißt weder "glätten",
noch "hinunterschlucken", sondern "bewältigen".
Ein Gebetswort der Messe lautet: "Nimm uns an!"
Darin bitten wir Gott, er möge nicht seine eigene Heiligkeit
und Vollkommenheit zum Maßstab machen, sondern erbarmend über
unsere menschliche Unvollkommenheit, Schwäche und Schuld hinwegsehen.
Er stiftet immer neu einen Frieden, "wie ihn die Welt nicht
geben kann", weil er von sich absieht, ohne sich dabei untreu
zu werden; so ist Gott Mensch geworden! Ähnlich wächst
der Frieden mit sich und anderen Menschen aus einem Annehmen; dazu
gehört, wenigstens teilweise verzichten zu können: darauf,
alles zu tun, was man könnte; darauf, alles auf eine Karte
zu setzen; darauf, grundsätzlich die wichtigeren Interessen
zu haben; darauf, zu siegen.
Als der bekannte stete Tropfen
sein Loch in den Stein geschlagen hatte,
fragte der Stein: Was beweist das?
Sagte der Tropfen: ich tropfe stets.
Sagte der Stein: ich nicht.
F.C. Delius, in: Koeppen u.a. (Hrsg.), Spuren des
Lebens, Stuttgart 1994, S. 57
oder:
Gott will nicht, daß wir ihm vorausgehen;
er will nicht, daß wir ihm Zukunftspläne schmieden;
er will nicht, daß wir große Reden halten zu seiner
Ehre.
Gott will, daß wir ihm folgen -
ohne Wenn und Aber,
ohne Hinterfragen und ohne Ausreden.
Gott will unser ganz bescheidenes Ja zu seinem Willen.
A. L. Balling, Und versuche gut zu sein, Würzburg
1994, S. 7
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