Was hat Jesus in den Sand geschrieben, als
die Pharisäer eine ertappte Ehebrecherin zu ihm brachten?
Ich gebe zu, meine erste Reaktion auf diese
Frage war ein Schmunzeln. Wie sollte wesentlich sein, was Jesus
schrieb, wenn das Johannesevangelium darüber schweigt? Erst
anhand der Kommentare wurde mir bewußt, daß Jesu Schreiben
auf die Erde weit mehr als ein bloßes erzählerisches
Element darstellt! Die Briefschreiberin bezieht sich auf Joh 8,
1-11. Pharisäer und Schriftgelehrte bringen eine Ehebrecherin
zu Jesus. Sie konfrontieren ihn listig mit einer Passage des alttestamentlichen
Gesetzes, das für Ehebruch die schwere Strafe der Steinigung
festschrieb: "Nun, was sagst du?" Zugleich steht Jesu
Reaktion auf die schwere Sünde eines Menschen, der Ehebrecherin,
in Frage.
"Jesus aber bückte sich und schrieb
mit dem Finger auf die Erde" (Joh 8, 6 und 8). Damit bezieht
er sich auf ein Wort des Propheten Jeremia: "Du Hoffnung Israels,
Herr! Alle, die dich verlassen, werden zuschanden, die sich von
dir abwenden, werden in den Staub geschrieben; denn sie haben den
Herrn verlassen, den Quell lebendigen Wassers" (Jer 17, 13).
Das Schreiben Jesu auf die Erde ist deshalb von höchster Bedeutung,
wenn auch nicht der -unbekannte- Wortlaut des Geschriebenen. Konkret
handelt es sich um eine prophetische Zeichenhandlung Jesu, durch
die er das Wort Jeremias in eine bestimmte Lebenssituation hineinstellt.
Es geht Jesus um menschliches Verhalten, das
eine Abwendung von Gott zum Ausdruck bringt. Durch sein Schreiben
in den Sand stellt Jesus anhand des Jeremiawortes das Verhalten
beider Seiten, der Pharisäer und der Ehebrecherin, zugleich
in Frage. Die Ehebrecherin hat sich nicht nur aus der ehelichen
Beziehung und ihrem Treueversprechen davongestohlen, sondern auch
aus dem Verhältnis zu Gott, dem Urbild aller Treue. Die Pharisäer
sehen nur ein Strafurteil in einem "klaren Fall" und stellen
dem von ihnen abgelehnten Rabbi eine willkommene Falle. Sie machen
einen schuldig gewordenen Menschen zum bloßen Objekt ihrer
Justiz. Auf die Frage nach menschlicher Schuld wissen sie keine
Antwort. Ob Gott sowohl gerecht wie auch erbarmend und verzeihend
handelt, fragen sie erst gar nicht. Damit verlassen sie ihrerseits
den "Quell lebendigen Wassers", weil sie Gott der Begrenztheit
ihrer Vorstellungen unterwerfen wollen. Die Zeichenhandlung Jesu
rahmt nicht zufällig seine Antwort: "Wer von euch ohne
Sünde ist, der werfe den ersten Stein" (Joh 8, 7).
Jesus, der einzige, der wirklich ohne Sünde
ist, und so gesehen den ersten Stein werfen könnte, bringt
den "Fall" zum Abschluß. Die Pharisäer gehen
weg; sie wenden sich damit im Sinn der Klage des Propheten Jeremia
erneut von Gott ab. Die Ehebrecherin bleibt; sie hat in Jesus den
"Quell lebendigen Wassers" (wieder-)gefunden. Jesus sieht
einen Menschen in seiner Schuld, trotz seiner Schuld, und weiß
auch eine Antwort: "Auch ich verurteile dich nicht. Geh und
sündige von jetzt an nicht mehr (Joh 8, 11)!" Jesus nimmt
eine beispiellose Vollmacht in Anspruch. Er gewährt der Frau
die erbarmende und verzeihende Liebe des Vaters, die jedem vergibt,
der umkehrt.
Zwei Querverbindungen empfehle ich einer vertiefenden geistlichen
Betrachtung: Das Jeremiawort, nach dem Jesus handelt, beginnt mit
dem Ruf: "Du Hoffnung Israels, Herr!"; es wird in Vers
14 fortgesetzt: "Heile mich, Herr, so bin ich heil (...)".
Zum Stichwort "Quell lebendigen Wassers" (Jer 8, 13 a.E.)
findet man im Gespräch Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen
(Joh 4, 1-26) in mehr als einer Hinsicht eine bedenkenswerte Parallele!
Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat:
der dir all deine Schuld vergibt
und all deine Gebrechen heilt.
Psalm 103, 2
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