Warum muß man dem Priester in der Beichte
erzählen, was man getan hat?
Viele Menschen verstehen unter Sünde nur, daß
gegen ein mehr oder weniger abstraktes göttliches Gebot verstoßen
worden ist. Oft wird zuwenig gesehen, daß Sünde im Widerspruch
zum Glauben und zu einem Leben aus dem Glauben steht. Wie eng dieser
Zusammenhang ist, erhellt die Zusammenfassung der Botschaft Jesu
in dem Satz: "Kehrt um und glaubt an das Evangelium" (Mk
1, 15). Umkehr ist nicht ein einmaliges Ereignis, sondern eine innere
Haltung, die mit dem Glauben in Wechselwirkung steht; im Fall schwerer
Sünde schiebt sich der Widerspruch zwischen Tun und Glauben
wie ein Sperriegel zwischen Gott und den Menschen; ähnliches
gilt auch für die manchmal unabsehbare Kette kleinerer Nachlässigkeiten,
Versäumnisse oder Verfehlungen: Der Glaube verwittert unter
der ständigen Einwirkung gegensätzlichen Tuns.
Da Sünde den Glauben schädigt, isoliert
sie von Gott. Gleichzeitig isoliert sie von den anderen Glaubenden,
die daran festhalten, ihr Leben am Evangelium ausrichten. Sünde
hat also immer auch einen Gemeinschaftsaspekt! Paulus bietet dafür
ein sehr sprechendes Bild: Wenn ein Glied des Leibes krank ist,
leidet der ganze Leib; "Leib" steht dabei für den
Leib Christi, die Kirche! (vgl. 1 Kor 12, 26f). Umgekehrt weist
auch die Versöhnung mit Gott diesen Gemeinschaftsaspekt auf:
Jesus vergibt, indem er durch Sünde isolierte Menschen in seine
Nähe ruft und in eine Gemeinschaft eingliedert; deshalb halten
Jesus und seine Jünger mit Zöllnern und Sündern Mahlgemeinschaft.
Im Fall schwerer Sünde handelt die Kirche im Auftrag des Herrn
genauso: das Sündenbekenntnis nimmt in den Blick, was die Gemeinschaft
mit Gott und der Kirche verletzt hat.
Die Kirche nimmt das Bekenntnis entgegen und verkündet
die Vergebung durch Gott in der Absolution. "Die aber zum Sakrament
der Buße hinzutreten, erhalten für ihre Gott zugefügten
Beleidigungen von seiner Barmherzigkeit Verzeihung und werden zugleich
mit der Kirche versöhnt, die sie durch die Sünde verwundet
haben und die zu ihrer Bekehrung durch Liebe, Beispiel und Gebet
mitwirkt" (II. Vat. Konzil, Dogm. Konstitution über die
Kirche, 11). In der heutigen Beichtpraxis reduziert sich die Beteiligung
der Kirche vor allem auf den Priester, in dem Christus als Haupt
der Kirche handelt und der die Gemeinschaft der Glaubenden gewissermaßen
repräsentiert. Darüberhinaus bittet die Kirche in ihrem
Gottesdienst um Stärkung der Umkehrbereitschaft und Vergebung
der Sünden. Schließlich heißt es bei der Lossprechung
treffend: "Durch den Dienst seiner Kirche schenke er dir Verzeihung
und Frieden". Wenn der Priester dem Beichtenden darüberhinaus
helfend und beratend zur Seite stehen kann, ist das ein günstiger
Nebenaspekt; im Mittelpunkt steht dabei nicht seine Person, sondern
der Glaube, die Lehre und die geistliche Erfahrung der Kirche.
Das Bekenntnis der weniger schweren, alltäglichen
Sünden, die nicht aus der Gemeinschaft der Kirche ausschließen,
ist nicht notwendig, weil Vergebung in vielfältigen Formen
geschieht. Dennoch wird von der Kirche empfohlen, auch ohne schwere
Schuld in angemessenen Abständen zu beichten. Diese Beichte
ist eine wesentliche Hilfe bei der Gewissensbildung und für
ein Wachstum des geistlichen Lebens. Auch hierbei wird nicht bezweckt,
den Priester über Sünden zu informieren oder die Beichte
unangenehmer zu machen. Erneuertes Christsein und Wachstum des geistlichen
Lebens wurzeln nicht im Privaten, sondern in der vertieften Gemeinschaft
mit Gott und der Gläubigen untereinander.
Sucht den Herrn, solange er sich finden läßt,
ruft ihn an, solange er nahe ist.
Der Ruchlose soll seinen Weg verlassen,
der Frevler seine Pläne.
Er kehre um zum Herrn, damit er Erbarmen hat mit ihm,
und zu unserem Gott; denn er ist groß im Verzeihen.
(Jes 55, 6-7)
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