"Was kann ich tun, um mein geistliches
Leben zu vertiefen, wenn der Alltag wenig Spielraum läßt?"
Viele Menschen sind durch Familie, Beruf oder drängende
Probleme so gefordert, daß sie sich rückblickend fragen,
wo eigendlich die Zeit geblieben ist. Es wäre lebensfremd,
in dieser Lage Ratschläge zu erteilen, die darauf hinauslaufen,
das intensive geistliche Leben kontemplativer Ordensleute einfach
zu kopieren. Deshalb sollte man sich zuerst einmal von der Vorstellung
frei machen, daß geistliches Leben "auomatisch"
um so reicher wird, je mehr Zeit dafür aufgewendet wird. Eine
zweite weitverbreitete Vorstellung besagt, daß geistliches
Leben nur dann stattfindet, wenn man alle inneren Kräfte auf
Gott hin bündelt und sich über die alltäglichen Beanspruchungen,
Fragen und Sorgen erhebt. Das Vaterunser, mit dem Jesus seine Jünger
das Beten generell gelehrt hat, ist dagegen trotz seiner gedanklichen
Dichte sehr knapp gehalten; es vereinigt ganz selbstverständlich
die Bitte um das Kommen des Reiches Gottes mit der Bitte um das
tägliche Brot. Entscheidend für das Gebetsleben und das
geistliche Leben überhaupt sind demnach Tiefe und harmonische
Verankerung im Alltag.
Ein guter Anfang wäre, Gott einen neuen Tag
und sich stellende Anforderungen gewissermaßen zu widmen.
Das kann in einem einzigen Gebetssatz geschehen, wenn er ernst gemeint
ist, etwa: "Mit dir und für dich!" Die Wendung "Mit
dir" bekräftigt den Glauben, daß Gott sich nicht
(uninteressiert?) aus unserem Alltag heraushält, sondern daß
Begegnung mit ihm im Alltag stattfindet: so vielfältig und
unspektakulär Menschen Jesus begegnet sind, so ereignet sich
Begegnung mit Gott bis heute unaufdringlich in einem Wort, das zu
denken gibt, im Zusammentreffen mit anderen Menschen, in einer Entscheidungssituation.
Mit der Wendung "für dich" rufen wir uns in Erinnerung,
daß unser Alltag Ort der Nachfolge Christi ist. Auf nichts,
was wir tun, ist Gott angewiesen. Er hat aber unseren Nächsten
zum Maßstab gemacht: "Was ihr für einen meiner geringsten
Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25, 40).
Wollen wir unseren Alltag leben und nicht gelebt
werden, ist hilfreich, die fortlaufende Kette der an uns gestellten
Herausforderungen zu unterbrechen. Denn nicht Äußerlichkeiten,
sondern Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Auch noch
so große Belastungen lassen Spielräume. Man kann sie
entdecken und z.B. dazu nutzen, zu einer kurzen Gebetseinkehr eine
Kirche aufzusuchen. Selbst wenn das nur einmal in der Woche möglich
ist, stellt eine solche Unterbrechung, wenn sie regelmäßig
erfolgt, einen wesentlichen Impuls dar. Andere bewährte Möglichkeiten
sind: das Nachdenken über einen Satz der Bibel, das abschnittsweise
Lesen eines geistlichen Buches, die gedankliche Einstimmung auf
den spirituellen Höhepunkt der Woche, die sonntägliche
Eucharistiefeier. Was für den Tag und die Woche gilt, kann
entsprechend für den Monat fruchtbar gemacht werden: z.B. könnte
der Monatsanfang Anlaß zu einem geistlichen Rückblick
bieten, auf Gelungenes und Mißlungenes, auf Getanes und Versäumtes,
auf Entwicklungen und Rückschritte. Solche Elemente geistlichen
Lebens ziehen Folgerungen aus dem Wort Jesu: "Ich bin bei euch
alle Tage"; man muß nur lernen, Christus mit den Augen
des Herzens in diesen Tagen wahrzunehmen.
Dabei kann man zu wenig und zu viel tun. Zu wenig,
wenn wir tatenlos zusehen, wie Gott zum Randphänomen unseres
Lebens wird. Zu viel, wenn wir meinen, auf einen Schlag die geistliche
Erfahrung der Kirche umzusetzen zu sollen und uns dabei überfordern.
Wichtig ist der Anfang, denn unser Christsein im Alltag kann wachsen
und darf wachsen!
Du hast uns auf dich hin geschaffen
und ruhelos ist unser Herz,
bis es Ruhe findet in dir.
Augustinus
oder:
Nichts ist für uns notwendig, außer
Gott.
Gott finden wir nur,
wenn wir unser Herz und unseren Geist
allein in Gott bergen.
Angela von Foligno, in: Die Weisheit der Heiligen,
Stuttgart 1991
|