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Was ist aus der Theologie der Befreiung geworden?

Mit der Theologie der Befreiung ist das beste geschehen, was ihr geschehen konnte: sie ist aus den Schlagzeilen der Tagespresse verschwunden. Befreit vom Licht der Fernsehkameras konnte sie dorthin zurückkehren, wo sie entstanden ist: in die Verkündigung des Evangeliums und die engagierte Sorge für die Armen und Entrechteten dieser Welt. Das hat ihr gut getan. Darüberhinaus ist die Theologie der Befreiung unabhängiger von Symbolfiguren geworden. Es gab eine Phase, in der kaum mehr inhaltliche Aussagen, sondern vor allem die Person einzelner Theologen im Blickfeld standen. Deren Stärken und Schwächen wurden gewollt oder ungewollt zum Gegenstand letztlich unfruchtbarer Auseinandersetzungen.

"Befreiung" ist nicht nur ein wichtiges Wort der hl. Schrift, es umschreibt eine zentrale Glaubenserfahrung. Ideologische Verdunkelungen dieser Tatsache scheinen überwunden. Das Wesentliche tritt um so klarer hervor: "Voll Freude bezeugen wir, daß wir in Jesus Christus die vollständige Befreiung für jeden von uns und für unsere Völker finden; die Befreiung von der Sünde, vom Tod und von der Knechtschaft durch Vergebung und Versöhnung"Schlußdokument der 4. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe, 1992 Nr. 122).

Die Theologie der Befreiung möchte helfen, das Christentum in das Leben von Menschen hineinzutragen, deren Lage von Unterdrückung, Gewalt, Armut und Rechtlosigkeit geprägt ist: "Zwischen Evangelisierung und menschlicher Förderung -Entwicklung und Befreiung- bestehen in der Tat enge Verbindungen: Verbindungen anthropologischer Natur, denn der Mensch, dem die Frohbotschaft gilt, ist kein abstraktes Wesen, sondern sozialen und wirtschaftlichen Problemen unterworfen; Verbindungen theologischer Natur, da man ja den Schöpfungsplan nicht vom Erlösungsplan trennen kann, der hineinreicht bis in die ganz konkreten Situationenm des Unrechts, das es zu bekämpfen, und der Gerechtigkeit, die es wiederherzustellen gilt" (Apostol. Schreiben Pauls VI. Evangelii nuntiandi, 31). Das Wort kann nicht ohne die Tat bleiben. Theologie der Befreiung bietet eine Klammer, die den Zusammenhang von Verkündigung, gelebtem Glauben, Entwicklung und tatkräftiger christlicher Solidarität eindrücklich aufzeigt.

Eine Frucht dieses theologischen Nachdenkens sind die Basisgemeinden, in denen ein entsprechendes Engagement stattfindet. Eine weitere Frucht ist die Aufdeckung der "strukturellen Sünde": "Die persönlichen Sünden beschränken sich nicht auf Taten; sie erzeugen Geisteshaltungen und Strukturen, die es ihrerseits außerordentlich erschweren, nach den Werten des Reiches Gottes zu leben. (...) Die heute in Lateinamerika herrschenden ungerechten Strukturen, die vor allem eine Frucht der ausschließlichen Gier nach Profit und des Verlangens nach Macht sind, machen in einigen Fällen die Durchsetzung von Gerechtigkeit unmöglich. Darüber hinaus festigt und vergrößert die soziale Sünde die Armut, die Unsicherheit, den Mangel an gesundheitlicher Versorgung und an Arbeitsplätzen, die Unterdrückung der Freiheit und das Leiden großer Teile der verarmten Bevölkerung unseres Kontinents" (Arbeitsdokument der IV. Generalkonferenz der lateinamerikanischen Bischöfe, 356f).

Zwar mögen die Verhältnisse in Lateinamerika besondere Antworten der dortigen Christen erfordern, sie betreffen aber auch uns. Zeugen dessen sind die vielen Verbände, Organisationen und Aktionen, die sich um Zusammenarbeit und Solidarität zwischen Nord und Süd bemühen. Aber mehr noch: Die Sonder-Versammlung der Bischöfe Europas 1991 stand nicht zufällig unter dem Thema "Damit wir Zeugen Christi sind, der uns befreit hat". Denn es gibt auch in Europa Verarmte, zu kurz Gekommene, Isolierte, Opfer von ungehemmtem Streben nach Profit und Macht. Und entspringt die allgegenwärtige Überbetonung des Materiellen etwa nicht einer fragwürdigen Grundstruktur europäischer Gesellschaften?

Nur Jesus Christus befreit.
Nur in seiner Liebe,
die wir erfahren und weiterschenken,
finden wir zu echter Befreiung.

Johannes Paul II.

oder:

Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.
(Joh 8, 31 f)

 

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