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Die Ehebrecherin in Joh 8, 2ff - ein von Frauenfeindlichkeit zu befreiendes Opfer? (Rückfrage zum Beitrag in der SonntagsZeitung Nr. 2 vom 13./ 14. Januar)

Eine Rückfrage zu meinem Beitrag über Joh 8, 2ff geht davon aus, daß Jesus die Ehebrecherin als Frau diskriminiert. Im Brief wird zutreffend darauf hingewiesen, daß zu einem Ehebruch zwei gehören und vom Mann in der Evangelienstelle keine Rede ist. Nach alttestamentlichem Gesetz waren beide von der Todesstrafe bedroht (vgl. Lev 20, 10 und Dtn 22, 22 ff). Daraus, daß Jesus die Pharisäer nicht auffordert, auch den Ehebrecher herbeizubringen, schließt der Briefschreiber auf eine "Begünstigung" des Mannes durch Jesus; es werde nahegelegt, er habe die kleinere Schuld. Dieser Schluß greift zu kurz, weil ein bereits vorhandenes Mißtrauen nachträglich ins Evangelium hineingelesen wird; der Text trägt das ebensowenig, als wollte ich antworten: vielleicht war der Mann schon tot!

Nach Joh 8, 6 bringen die Pharisäer die Frau nur deshalb zu Jesus, weil sie ihn verklagen wollen, der doch überhaupt nichts Unrechtes getan hat! Sie wollen entgegen dem Gesetz (vgl. Lev 19, 15 u. Ex 23, 7) einen Unschuldigen in den Schlingen des Gesetzes fangen. Der Theologe P. Ketter führt aus, daß die Pharisäer das Gesetz in ihrer Anklage gegen die schuldig gewordene Frau ein zweites Mal mißachten: "Sie hatten ja die gesetzliche Vorschrift falsch ausgeführt. Moses gebot doch die Steinigung nicht nur der schuldigen Frau, sondern auch für den ehebrecherischen Mann (...). Das war doch eine Moral mit doppeltem Boden, deren Gutheißung sie von Jesus erwarteten." Durch sein Schreiben in den Sand entlarvt Jesus beide Auswüchse der falschen Grundhaltung der Pharisäer und zugleich die Sünde des Ehebruchs: "(...) die sich von dir abwenden, werden in den Staub geschrieben, denn sie haben den Herrn verlassen, den Quell lebendigen Wassers (Jer 17, 13)". In seinem prophetischen Zeichen schaut Jesus auf den Grund des Menschen und zwar ohne jede geschlechtsspezifische Unterscheidung.

Im Brief heißt es weiter: "Mir erscheint das Urteil Jesu alles andere als barmherzig, sondern diskriminierend für die Frau (...)!" Jesus hat der Frau ihre Schuld vergeben, sie also freigesprochen; etwas anderes als Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft für einen umkehrbereiten Menschen kann ich darin nicht erkennen. Der Briefschreiber verweist selbst auf den Ehebruch, den König David mit der Frau des Urija begangen hat (2 Sam 11, 2ff). Dabei läßt er jedoch unberücksichtigt, daß an dieser Stelle von Gott kein Urteil und keine Strafe über die Frau des Urija verhängt wurde, sondern nur über David! Zusammengenommen heißt das: Es kommt nicht darauf an, daß die Bibel im einen Fall die Frau, im anderen den Mann allein erwähnt. Wenn es um das Heil des Menschen geht, gibt es vor Gott keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Alle Menschen sind auf die Gnade Gottes angewiesen.

Der entscheidende Unterschied zwischen 2 Sam 11 und Joh 8, 2ff besteht darin, daß David gestraft wird (vgl. Vers 10f), während Jesus erlöst und vergibt.

Ich will nicht bestreiten, daß es in der Kirchen- und Theologiegeschichte Engführungen und Verkürzungen gegeben hat und bis heute gibt, die aufgearbeitet werden müssen. Derselbe Fehler würde unter anderem Vorzeichen wiederholt, wenn das Christentum erst gewaltsam in einen "frauenfreundlichen Jesus" und eine "frauenfeindliche Kirche" aufgespalten wird, um dieses vorgebene Denkschema dann in der Schrift "wiederzufinden". Diesem Fehler erliegt z.B. Ruth Ahl in ihrem Beitrag "Jesus und die Ehebrecherin" (in: Frauen entdecken die Bibel, hrsgg. von K. Walter, S. 103 ff); die Fragen und Gedanken, die dort aufgrund eines Bibliodramas zu Joh 8, 2ff frühen Christinnen in den Mund gelegt werden, sind die von Frauen des 20. Jahrhunderts; merkwürdigerweise wird das Thema der Bibelstelle, "Umkehr und Vergebung", vom Thema "Steinewerfen und Unterdrückung" überlagert.

(Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid,
habt Christus als Gewand angelegt.)
Es gibt nicht mehr Juden und Griechen,
Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau;
denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.

Gal 3, (27-)28

( ) = Kürzungsmöglichkeit

 

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