Was bezweckt der Dialog der Kirche mit den
nichtchristlichen Religionen?
Es mag viele überraschen, aber der Dialog mit
den nichtchristlichen Religionen ist ein Teilaspekt des Missionsauftrags
der Kirche. Mission besteht nicht nur im Angebot einer Glaubensunterweisung.
Ein 1984 erschienenes vatikanisches Dokument zählt an missionarischen
Tätigkeiten auf: (christliche) Präsenz und Lebenszeugnis;
Einsatz im Dienst an sozialer Entwicklung und menschlicher Befreiung;
liturgisches Leben, Gebet und Kontemplation; interreligiöser
Dialog, Verkündigung und Katechese. Missionarische Verkündigung
und interreligiöser Dialog sind also zwei selbständige,
sich ergänzende Elemente.
In der Apostelgeschichte ist der Sendungsauftrag
Jesu so gefaßt: "Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem
und Samarien und bis an die Grenzen der Erde" (Apg 1,8). Dieses
Zeugnis für Christus ist umfassend und verträgt keine
Verkürzung in räumlicher, zeitlicher oder methodischer
Hinsicht. Daher ist der interreligiöse Dialog eingeschlossen.
Andererseits darf der Dialog nicht zur Taktik verkommen, sondern
muß ernstnehmen, daß Gott in Christus alle Völker
zu sich ruft und auf vielfältige Weise gegenwärtig ist.
Gott ist der Schöpfer schlechthin, nicht nur der Christen.
Er spricht z.B. über das Gewissen zu Christen wie Nichtchristen.
Er zeigt sich den Völkern im Reichtum ihrer Spiritualität,
die in den Religionen ihren Ausdruck findet, auch wenn sie Lücken,
Unzulänglichkeiten und Irrtümer enthalten (vgl. Papst
Johannes Paul II., Redemptoris Missio 55). Der interreligiöse
Dialog "kommt aus dem tiefen Respekt vor allem, was der Geist,
der weht, wo er will, im Menschen bewirkt hat" (Papst Johannes
Paul II., Redemptor hominis 12; vgl. auch Redemptoris Missio 56).
Vor diesem Hintergrund bezweckt der interreligiöse Dialog,
in Treue zur Wahrheit des Glaubens die gegenseitige Kenntnis zu
vertiefen, herrschende Werte kennenzulernen, Vorurteile abzubauen
und den jeweiligen spirituellen Reichtum zu achten. Ziel ist also
keineswegs eine inhaltsleere "Superreligion" auf dem kleinsten
gemeinsamen Nenner!
Neben dieser theologisch-spirituellen Wurzel hat
der interreligiöse Dialog eine praktische Seite. In vielen
Ländern leben Christen und Nichtchristen nebeneinander; die
Last der Geschichte wiegt oft schwer. Faßt das Christentum
in einem nichtchristlichen Land Fuß, trifft es zwangsläufig
auf Menschen, die anderen Religionen angehören. Leben Menschen,
die verschiedenen Religionen angehören, sprachlos nebeneinander,
wird das Zeugnis für Christus durch Unkenntnis, Ängste,
Besitzdenken, Intoleranz und Radikalisierung bedroht. Es wäre
ein Widerspruch in sich, wollten sich Christen mit einer derartigen
Entwicklung abfinden oder gar daran beteiligen: sie würden
ihre eigenen Glaubensgrundsätze aufgeben, denn Nächstenliebe
ist unteilbar.
Interreligiöser Dialog ist deshalb in einem
vatikanischen Dokument von 1991 zu Recht ein "Dialog des Lebens"
genannt worden; Menschen verschiedener Religion sollen in einer
offenen und nachbarschaftlichen Atmosphäre zusammenleben können,
indem sie Freud und Leid, ihre menschlichen Probleme und Beschwernisse
miteinander teilen. Gewalt und kriegerische Konflikte z.B. betreffen
Christen wie Nichtchristen; der interreligiöse Dialog trägt
dazu bei, daß keine Seite wegschaut. Interreligiöser
Dialog ist weiter ein Dialog des Handelns, in dem Christen und Nichtchristen
für eine umfassende Entwicklung und Befreiung der Menschen
zusammenarbeiten. Bricht z.B. in Afrika eine Hungersnot aus, ist
das Leben aller bedroht. Wie oft haben Unwissenheit, Mißtrauen
und religiöser Fanatismus schon zu Gewalt geführt und
Lösungen verhindert! Auch in Deutschland leben nicht nur Christen.
Sollte der Auftrag des Herrn zum unverkürzten Zeugnis für
ihn überall gelten, nur nicht hier?
Gib mir neue Augen, Vater,
und ein neues Herz,
daß ich in jedem Menschen
dich erkenne.
in: action 365, Beten im Alltag, Frankfurt 1993,
S. 45
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