Wieso sind wir Kinder Gottes?
Gotteskindschaft ist schon im Alten Testament ein
wichtiges Wort, mit dem das Verhältnis zwischen Gott und Mensch
beschrieben wird. "Haben wir nicht alle denselben Vater? Hat
nicht der eine Gott uns alle erschaffen" (Mal 2, 10)? Damit
wird auf die Schöpfung angespielt, die eine heilvolle Beziehung
zwischen Schöpfer und Geschöpf grundgelegt hat. Innerhalb
dieses weiten Kreises beschreibt "Gotteskindschaft" die
besondere Beziehung, die Gott zum Volk Israel stiftet: "So
spricht Jahwe: Israel ist mein erstgeborener Sohn" (Ex 4, 22).
Wie ein adoptiertes Kind aufgenommen wird, erwählt Gott ein
Volk zu seinem besonderen Eigentum und geht einen Bund mit ihm ein.
Im Neuen Testament rückt "Gotteskindschaft"
noch mehr in den Mittelpunkt. Dabei ist die Gottessohnschaft Jesu
und die Gotteskindschaft der Gläubigen unbedingt zu unterscheiden,
weil für uns -ähnlich wie beim Volk Israel- eine geistliche
Adoption zugrundeliegt! In den älteren Evangelien ist "Gotteskindschaft"
endzeitliche Gabe, die bei der Auferstehung geschenkt wird und mit
der Beachtung des Liebesgebots auf Erden verknüpft ist (vgl.
z.B. Mt 5, 9 u. 45). Bei Johannes liegt der Akzent etwas anders.
Er verknüpft die Schöpfung mit der Menschwerdung des Gottessohnes:
"Er kam in sein Eigentum..."; die Erwählung in das
neue Volk Gottes hängt seither von der Aufnahme ab: "Allen
aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden,
allen, die an seinen Namen glauben" (Joh. 1, 11f). Für
Johannes ist "Gotteskindschaft" ein zentrales und anschauliches
Bild für das in Christus geschenkte Heil. In der Taufe aus
dem Wasser und dem Geist werden wir als Kinder Gottes neu geboren;
wir gehören seither zum übernatürlich-geistigen Bereich
Gottes (Joh 3,5f); unsere Gotteskindschaft wird -auch für andere-
sichtbar in Glaube, christlicher Freude, Gerechtigkeit und Liebe.
Ebenso grundsätzliche Bedeutung entfaltet "Gotteskindschaft"
bei Paulus. Gott sandte seinen Sohn, um die Menschen freizukaufen
und ihnen die Gotteskindschaft zu vermitteln (vgl. Gal 4,4f). Für
Paulus bedeutet "Gotteskindschaft" Freiheit von den verslavenden
Mächten, vor allem von Sünde und Tod; diese Befreiung
gibt uns die Chance und den Auftrag, uns in der gewonnenen Freiheit
zu bewähren und nicht etwa in die alte Unfreiheit zurückzufallen
(Gal 4, 8ff). Dabei erhalten wir durch die Annahme an Kindes statt
nicht nur Anteil an der Stellung des Sohnes (Sohn=Erbe), sondern
durch die Ausgießung des Hl. Geistes auch an seinem Wesen.
Für den Einzelnen vollzieht sich das in der Taufe (Gal 3,27).
Anhand des einen Wortes "Gotteskindschaft"
wird in immer neuen Anläufen unsere Erlösung in Jesus
Christus und die in ihm erneuerte Beziehung zwischen Gott und Mensch
angesprochen. Wegen der unerhörten Dichte des Gedankens ist
das nicht gerade einfach zu verstehen. Einen Zugang eröffnet
jedoch das betrachtende Nachdenken über die entsprechenden
Schriftstellen.
Für das geistliche Leben ist weiter bedeutsam, daß "Gotteskindschaft"
eine bestimmte Haltung zusammenfaßt, die Jesus fordert (z.B.
Mk 10,15). Kind sein dürfen vor Gott ist danach ein Grundmodell
gelebter Beziehung zu Gott. Wir müssen nicht darum kämpfen,
von ihm angenommen zu werden; wir dürfen
alles Lebenswichtige von ihm erwarten; wir können in einem
Raum der Geborgenheit leben und Gott bedingungslos vertrauen. Wie
Kinder dürfen wir darin geistlich wachsen!
Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus:
Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere
Gemeinschaft mit Christus im Himmel. Er hat uns im voraus dazu bestimmt,
seine Söhne zu werden durch Jesus Christus.
Eph 1, 3.5
oder:
Indem das Evangelium die Gottessohnschaft
des Menschen offenbart, zeigt es ihm auch die Antwort, die er auf
die Liebe des Vaters geben muß, um als Kind Gottes zu leben.
Es ist eine zweifache Antwort: auf Gott hin und gegenüber dem
anderen Menschen.
Johannes Paul II., Das Vaterunser, Ostfildern 1987,
S. 19
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