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In der Kirche wird viel von Liebe und Versöhnung gesprochen - Wie groß ist die Kluft zu dem, was jeder aus Alltag kennt!

Die Feststellung des Briefschreibers mag etwas oberflächlich kirchenkritisch gemeint sein; ich fürchte, sie trifft dennoch in gewissem Sinn zu. Er spricht nämlich ein Grundproblem von Christsein im Alltag an: das Auseinanderfallen von Glauben und Leben. Als Anlaß zur Kirchenkritik ist die Beobachtung deshalb zu vordergründig, weil "die Kirche" keineswegs eine anonyme Größe ist, die unabhängig von den Gläubigen besteht; nicht Glauben und Leben "der Kirche" fallen auseinander, sondern diese Kluft tut sich im Weg des einzelnen Gläubigen auf. Es gehört zum Gemeinschaftscharakter des Christentums, daß die Kirche als Gesamtheit der Gläubigen von den Versäumnissen und Schwächen des Einzelnen in Mitleidenschaft gezogen wird - ein zusätzlicher Impuls für unsere Umkehrbereitschaft.

Biblisch gesehen mahnen die Propheten immer wieder, das Auseinanderfallen von Glauben und Leben wahrzunehmen und sich nicht damit abzufinden: "Warum fasten wir, und du siehst es nicht? Warum tun wir Buße, und du merkst es nicht? Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an. Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank, und ihr schlagt zu mit roher Gewalt" (Jes 58,3f). In den folgenden Versen wird an Beispielen ausgeführt, wie man im Alltag das Wort Gottes tun kann. Noch entschiedener ist Jesus zur Stelle, wenn es darum geht, Glauben und Leben zu einer Einheit zu verschmelzen. Wir sehen ihn Kranke heilen, die glauben; wir hören sein Wort: "Was sagt ihr zu mir: Herr! Herr!, und tut nicht, was ich sage" (Lk 6,46)?
Als Brücke zu einem spirituellen Zugang mag die Stelle Joh 4, 34 dienen, in der Jesus sagt: "Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat und sein Werk zu Ende zu führen". Der Satz zeigt auf, wovon Jesus letztlich lebt, worin er den Sinn seiner Existenz erblickt. Als Gesandter ist Jesus ganz dem Willen des Vaters verbunden, und zwar aus freiwilliger Zustimmung. Diese bewußte willensmäßige Zustimmung drängt ihn, den Willen des Vaters nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern seinen Heils- und Liebeswillen "ins Werk" zu setzen. Unsere Nachfolge Jesu besteht darin, in der uns angemessenen Weise den Willen des Vaters wahrzunehmen, ihm zuzustimmen und handelnd daraus zu leben, ähnlich wie wir nicht leben können, ohne zu essen. Das setzt voraus, diesen Willen des Vaters nicht wie eine Speise auf dem gedeckten Tisch bloß anzusehen, sondern ihn gleichsam zu essen, ihn in uns aufzunehmen, uns von ihm durchdringen zu lassen. "Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt" (Mt 4,4).

In einem dunklen Raum schalten wir ganz selbstverständlich das Licht ein, um etwas sehen zu können. Im geistlich-spirituellen Bereich scheinen dagegen viele Menschen ratlos in einem dunklen Raum zu stehen; sie sprechen sehnsüchtig vom Licht und warten im übrigen darauf, daß irgendjemand kommt und es einschaltet. Dabei kann und sollte jeder auf seine Weise Licht ins Dunkel bringen, denn wir Christen wissen von Jesus, wie man das macht. Liebe und Versöhnung sind nicht ins Leere gesprochene Worte, sondern Taten. Der Verkündigungsdienst der Kirche hält die Erinnerung daran wach. Als Starthilfe für unser gelebtes Christsein im Alltag sagt der hl. Don Bosco:
"Tut, was ihr könnt. Gott wird tun, was wir nicht können.

Es bedarf nicht viel zur Heiligkeit. Das beste, fast das einzige Mittel ist, daß man sich gewöhnt, den Willen Gottes in allen Dingen zu tun.
Die Vollkommenheit besteht nicht darin, daß man Verzückungen hat, sondern in der treuen Erfüllung des göttlichen Willens.

Vinzenz von Paul, in: Die Weisheit der Heiligen, Stuttgart 1991, S. 78

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