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"Wo bleibt da die Toleranz?"

So fragt sich ein Gesprächspartner, der sich nach schweren Konflikten an den Rand gedrängt sieht. Die Frage hat mich über die Gesprächssituation hinaus nachdenklich gemacht. Toleranz gehört zu den Werten, die zu Recht sehr hoch im Kurs stehen; sie ist als Wort in aller Munde. Erstaunlich oft begegnet man aber Menschen, die in ihrem Alltag unter der Intoleranz anderer leiden. Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

Toleranz nimmt z.B. den Standpunkt eines anderen wahr und achtet ihn auch dann, wenn man selbst anderer Meinung ist. Zu unserer Gesellschaft gehört ganz selbstverständlich ein Pluralismus der Meinungen, Ansichten und Anschauungen. Toleranz ist dabei unverzichtbar, soll die Freiheit der Meinung und des Menschen überhaupt zur Blüte kommen; denn sie gewährleistet das Miteinander innerhalb der Vielfalt von Anschauungen. Infolgedessen wird Toleranz sehr oft eingefordert. Wird sie ebenso oft gewährt?
Toleranz als Achtung vor dem Anderen betrifft den Umgang miteinander. Sie entscheidet nicht über die Wahrheit. Von zwei Menschen, die ihre gegensätzlichen Ansichten tolerieren, kann der eine recht, der andere unrecht haben. Beide können recht oder unrecht haben. So wertvoll Toleranz ist, man sollte sich nicht mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufriedengeben; Toleranz schützt und bewahrt, ist also statisch. Tolerant bleiben und gemeinsam nach der Wahrheit suchen, gibt darüberhinausgehende Impulse zur Fortentwicklung, bringt Bewegung ins Spiel, öffnet die Zukunft. Steht die Bereitschaft, gemeinsam nach der Wahrheit zu suchen, ebenso hoch in unserer Werteskala?

Toleranz ist gefährdet durch Ängste vor allem, was anders ist: der abweichenden Meinung, den unterschiedlichen Zielen, der anderen Gruppe. Sie setzt deshalb Anstrengungen voraus, Ängste abzubauen, etwa durch besseres Kennenlernen, Verstehenlernen, offenes Gespräch. Manchmal, so scheint es, werden diese Anstrengungen gescheut. Wie soll aber angesichts konservierter Angst das gegenseitige Vertrauen wachsen?

Für uns Christen ist Toleranz ein Aspekt der Nächstenliebe. Sie achtet den anderen in seinem "So"-Sein, weil auch Gott jeden Menschen so annimmt, wie er ist: in seiner Unvollkommenheit, in seiner Begrenzheit, sogar in seiner Schuld. Aber Gott gibt sich nicht mit dem Ist-Zustand zufrieden; er "heilt, was verwundet ist"; er führt zusammen, was zerstreut ist; er ermutigt, voranzuschreiten. Erst wenn wir Christen uns von Gott wirklich angenommen wissen, können wir uns auch gegenseitig annehmen. Dabei ist Nächstenliebe kein Anspruch gegen andere; sie wächst nur, wenn sie verschenkt wird. Erst wenn wir Christus als den Weg, die Wahrheit und das Leben glauben, gewinnen wir die Chance, uns mit anderen gewissermaßen in der Wahrheit zu treffen. Wir sind so anders als Gott und brauchen trotzdem vor ihm keine Angst zu haben, sondern können uns bei ihm vertrauensvoll bergen. Wenn wir das in unser Christsein im Alltag übersetzen, erscheinen unsere Mitmenschen immer weniger als "Gefahr" und werden immer klarer als "Nächster" erkannt. Jesus hat die Menschen wie kein anderer angenommen; in seiner Nähe wuchs aus der Wurzel "Toleranz" eine Zukunftsperspektive, eine Chance.

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte,
begrüßte ihn mit den Worten:
"Sie haben sich gar nicht verändert." -
"Oh!", sagte Herr K. und erbleichte.

Bertholt Brecht

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