Von Gott geführt?
Ein längerer Brief umfaßt einen Rückblick
auf verschiedene Lebenssituationen. Keinem Zweifel unterliegt, daß
Gott in diesen wechselhaften Erfahrungen nahe war. Die Frage ist
mehr, wie Gott seine Handschrift in den betreffenden Lebenslauf
eingetragen hat.
Zu Recht klingen Zweifel an einem blinden Schicksalsglauben
an. Bereits ein früher Kirchenvater, Justin der Märtyrer,
widerlegt eine derartige "Macht des Schicksals" mit einer
vergleichsweise einfachen Überlegung: "Geschähe alles
nach einem schicksalhaften Verhängnis, so gäbe es keine
Verantwortlichkeit. Denn wenn es vom Schicksal bestimmt ist, daß
dieser gut und jener schlecht ist, so ist der eine so wenig zu loben
wie der andere zu tadeln ... Man sieht ein und denselben Menschen
zum Entgegengesetzten übergehen. Wäre ihm nun vom Schicksal
bestimmt, entweder schlecht oder gut zu sein, so wäre er niemals
für das Entgegengesetzte empfänglich und änderte
sich nicht so oft".
Gott achtet den freien Willen des Menschen. Er will keine Marionetten,
die ihn nach einem von ihm selbst geschriebenen Textbuch loben,
sobald er die Fäden zieht. Der freie Wille des Menschen geht
so weit, daß er zu Gott "Ja" oder "Nein"
sagen kann. Gott achtet die getroffene Entscheidung, hält den
Menschen aber daran fest; insoweit liegen Sieg oder Niederlage in
seiner eigenen Hand. Wie hilft Gott dem Menschen, zu einem "Ja"
zu finden, ohne seinen freien Willen einzuschränken? Die Antwort
lautet: Gott führt!
"Blinde führe ich auf Wegen, die sie nicht
kennen, auf unbekannten Pfaden lasse ich sie wandern. Die Finsternis
vor ihren Augen mache ich zu Licht; was krumm ist, mache ich gerade"
(Jes 42, 16). Es ist nicht schwer, uns in diesem Prophetenwort wiederzufinden.
Tatsächlich gleichen wir Blinden. Am eingängigsten wird
uns das vielleicht bei der Frage nach der Zukunft: wir kennen sie
nicht und alle Versuche, sie aus den Sternen, einer Kristallkugel
oder dem Kaffeesatz vorhersagen zu lassen, erweisen sich als Vergeudung
von Hoffnungen und Geld. Trotzdem tappen wir nicht einfach im Dunklen
herum, sondern erfahren immer wieder die Hand Gottes, die unsere
tastende Hand ergreift und uns in die Zukunft hineinführt.
Wir sind nicht alleingelassen! Ähnliche Glaubenserfahrungen
können wir machen, wenn wir suchen, fragen, zweifeln, ängstlich,
ratlos oder orientierungslos sind. Die Nähe Gottes bringt Licht
in unsere Finsternis. Er läßt uns sehen, vielleicht nicht
allzuweit in die Ferne, aber auf das, was vor unseren Füßen
liegt: unseren Weg zu ihm. Deshalb ist es so wichtig, daß
Jesus von sich selbst gesagt hat: "Ich bin der Weg, die Wahrheit
und das Leben" (Joh 14,6). Wer ihm nachfolgt, geht seinen Weg
nicht im Finstern.
Gott führt durch "Wegzeichen"! Ein
solches Wegzeichen kann z.B. ein (Schrift-)Wort sein, das in einer
bestimmten Lebenssituation eine besondere Bedeutung erhält,
obwohl es vorher oberflächlich durchaus bekannt war. Manchmal
trifft ein solches Wort wie ein Blitzstrahl. Auf solchen Erfahrungen
beruht die geistliche Übung, unter den vielen Worten eines
Gebets, der hl. Messe, der hl. Schrift oder eines Buches nach dem
"heutigen" Wort Gottes an mich zu fragen. Gott führt
durch die Begegnung mit einem Menschen oder durch einen vielleicht
nur dahingesagten Satz, indem die Begegnung oder das
gesprochene Wort für die eigene Lebenssituation nicht bloß
eine alltägliche, sondern dazu noch eine tiefere, wegweisende,
spirituelle Bedeutung entfaltet. Gott führt, indem alltägliche
Lebenssituationen plötzlich eine besondere Sprache sprechen,
auf Änderungen drängen, auf Versäumnisse aufmerksam
machen, Bestätigung geben. Dazu muß man sich nur die
Mühe machen, das eigene Leben nicht bloß dahinzuleben,
sondern im Licht Gottes zu deuten.
Nicht alle Wege der Menschen sind Gottes Führung.
Wir können oft lange und eigene Wege gehen.
Die eigenen Wege führen im Kreise immer zu uns selbst zurück.
Aber wenn Gott unsere Wege leitet, dann führen sie zu ihm.
Dietrich Bonhoeffer
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