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Warum braucht es so viele Erklärungen? Warum können wir Gott nicht einfach erkennen?

Diese Fragen sind von einem gewissen Unmut gekennzeichnet; der Fragesteller sähe es lieber, wenn es zu Gott einen "direkten" Zugang gäbe, ohne den "Umweg" der Hl. Schrift oder der kirchlichen Überlieferung und Glaubensvermittlung. Würde Gott dann nicht geradezu zwangsläufig zu einem Besitz, zu einem Objekt, das im Belieben des Menschen stünde? Gott ist der Schöpfer, der Mensch das Geschöpf. Dieser Unterschied bleibt und muß in den Wunsch nach wachsender Gotteserkenntnis einbezogen werden.

Im Alten Testament werden mehrmals Gotteserscheinungen festgehalten. Selbst diese intensivste Begegnung mit Gott, die Einzelne erleben durften, geschehen regelmäßig in verhüllter Form. Gott offenbart sich dem Mose im brennenden Dornbusch, der nicht verbrannte; Gott zeigte sich dem Elija nicht im Feuer, Sturm oder Erdbeben, sondern in einem sanften Säuseln. Der Prophet Jesaja schaute in einer Berufungsvision den Herrn (vgl. Jes 6, 1f); in ihr geschieht nicht zuerst Gotteserkenntnis, sondern Selbsterkenntnis: "Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen" (Jes 6, 5)! Diese Gotteserfahrungen sind nicht Selbstzweck, sondern verweisen auf einen Auftrag. Ihre Folge ist nicht (persönlicher) Besitz einer Erkenntnis, sondern Vertiefung des eigenen Menschseins vor Gott: im hören, schauen, dienen, gehorsam werden.

Auch in dieser Beziehung wird ein neues Kapitel in der Begegnung mit Jesus aufgeschlagen. Gott wird Mensch. In dieser Entäußerung (vgl. Phil 2, 7) begibt sich Gott auf die Ebene des Menschen, seinen Verstehenshorizont, seine Sprache; er nimmt freiwillig die Begrenztheit des Menschen außer der Sünde an. "Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht" (Joh 1, 10). Obwohl Jesus mit unerhörter Vollmacht die Frohe Botschaft verkündet, kann er mißverstanden, mißdeutet, abgelehnt werden; die Willkür und Bosheit des Menschen führte ihn bis ans Kreuz auf Golgotha. Seine unverrückbare, innige Beziehung zum Vater erwies sich jedoch sogar gegenüber dem Tod als dauerhafter; in seiner Auferstehung und Erhöhung zum Vater wird offenbar, daß diese Beziehung aus Liebe durch nichts beeinträchtigt werden kann. In ähnlicher Weise entscheidet die Beziehung der Gläubigen zu Jesus über deren Lebens-Weg: "Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden" (Joh 1, 12); wer jemanden aufnimmt, nimmt Beziehung zu ihm auf! Bezeichnenderweise bindet Jesus die Gläubigen an sich persönlich "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben". Man kann deshalb sagen: die Erkenntnis Gottes wächst mit der Innigkeit der Beziehung zu Jesus, weil Gott sich im Glauben an ihn erschließt. Dieser Gesichtspunkt einer persönlichen Beziehung zu Jesus widerstreitet jeder Berechenbarkeit, Meßbarkeit, Gesetzmäßigkeit. Gotteserkenntnis "hat" man nicht wie die Lösung einer Rechenaufgabe, man er-lebt sie in dauerhafter Bindung an Jesus.

Im zweiten Hochgebet bittet die Kirche für die Verstorbenen: "Nimm sie ... in dein Reich auf, wo sie dich schauen von Angesicht zu Angesicht." Dieses "von Angesicht zu Angesicht" blickt voraus auf die Vollendung. In ihr weicht das Glauben dem Schauen. Bis dahin können wir viel tun, um die gläubige
Beziehung zu Jesus zu vertiefen: im Fragen, Suchen, Beten, Betrachten, Lesen und Studieren. Die manchmal lästige Fülle der offenen Fragen, spirituellen Erfahrungen, Theologien zeigt im Grunde nicht mehr als den Reichtum und unterschiedlichen Fortschritt in dieser Beziehung. Dabei wächst durchaus Gotteserkenntnis. Aber selbst bei beständigem Fortschritt bleibt immer noch ein Punkt, an dem man mit Paulus bedauernd feststellen muß: Stückwerk ist all unsere Erkenntnis.

Vater, gib uns den Geist des Lichtes, daß wir dich und Jesus Christus, den du gesandt hast, erkennen. Gib und den Heiligen Geist, damit wir deine unergründlichen Geheimnisse künden und erklären können.
Gotteslob 373, 6

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