Warum steht im Glaubensbekenntnis nach "gestorben
und begraben" noch "hinabgestiegen in das Reich des Todes"?
Ist das nicht dasselbe?
Kardinal Ratzinger stellte einmal fest, daß
vielleicht kein Glaubenssatz unserem heutigen Bewußtsein so
fern steht wie der über den Abstieg Jesu in das Totenreich.
Er sieht eine Tendenz, die Aussage einfach zu übergehen, um
schließlich ohne offensichtliche Verluste etwas loszuwerden,
was unserem Denken fremd geworden ist. Ein aufmerksamer Beobachter
und Beter wie der Fragesteller findet trotzdem den Anfang des "roten
Fadens".
Der Satz "Hinabgestiegen in das Reich des Todes"
steht vor dem Hintergrund der alttestamentlichen Vorstellung von
einem Totenreich, in dem die Verstorbenen eine Art Schattendasein
in Gottferne und Gottverlassenheit führten (vgl. Ps 6,6; 88,11-13).
Ihre eigentliche Not besteht darin, von Gott ausgeschlossen zu sein.
Wenn nun von Jesus gesagt wird, er sei in das Reich des Todes hinabgestiegen,
dann heißt das nicht nur, daß er unser menschliches
Todesschicksal geteilt hat. Vielmehr ist er auch eingegangen in
die ganze Verlassenheit, Einsamkeit und Sinnlosigkeit des Todes.
Anders ausgedrückt: Er hat nicht nur die physisch-leibliche
Seite des menschlichen Todesgeschicks erfahren müssen, sondern
auch die Trennung von Gott als dem Ursprung allen Lebens. Da Jesus
in ganz einzigartiger Weise mit Gott verbunden war und sein ganzes
Leben davon geprägt war, ist es von besonderer, heilswirksamer
Bedeutung, daß er im Tod die Erfahrung eines schweigenden
Gottes mit allen Menschen teilte. Darin liegt die befreiende Botschaft,
daß kein Mensch mehr allein sterben muß, sondern in
seinem Tod Gemeinschaft mit dem Tod Jesu gewinnt; das menschliche
Sterben verliert seine tragische Hoffnungslosigkeit, weil es in
Christus bereits durch das Leben der Auferstehung überwunden
ist.
Die kirchliche Tradition kennt noch einen etwas anderen
Zugang. Sie hat den Satz vom Abstieg Jesu in das Reich des Todes
mit einer biblischen Aussage verknüpft: "So ist er auch
zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen
gepredigt" (1 Petr 3,19; vgl. 4,6). Die Kirchenväter sprechen
von einer Predigt Jesu in der Unterwelt, vom Aufbrechen der Pforten
der Hölle, von einem triumphalen Siegeszug Christi durch das
Totenreich usw. Hier steht bereits der siegreich handelnde Auferweckte
im Blick. Diese Verkündigung des Evangeliums im Reich des Todes
weist den Charakter einer Bekehrungspredigt auf. Darin spricht sich
beinahe unüberbietbar die universale Tragweite des stellvertretenden
Sühnetodes Jesu aus. Was in Jesu Tod von Gott her geschehen
ist, das kommt allen Menschen zugute! In Jesu Tod sind auch längst
verstorbene Generationen erlöst, nicht nur alttestamentliche
Gerechte wie Abraham oder die Propheten, sondern alle Menschen,
die je aufrichtigen Herzens Gott gesucht haben. Das gilt auch und
gerade dann, wenn sie vor Jesus Christus gestorben sind und deshalb
weder mit ihm, noch mit der kirchlichen Verkündigung von ihm
in Berührung gekommen sind. Sein Heilstod gilt allen Leiden
und Opfern der Geschichte. Durch ihn wird gerade den Kleinen und
Ohnmächtigen, den längst Vergessenen, den vielen Namenlosen
Erlösung zuteil. Damit weist das Geheimnis des Karsamstag bereits
voraus auf den österlichen Sieg des Lebens über den Tod.
Die orthodoxe Sonntagsliturgie faßt das in
bedenkenswerter spiritueller Tiefe so zusammen: "In das Totenreich
bist du hinabgestiegen, mein Erlöser. Du hast seine Türen
zertrümmert und als Herr über Leben und Tod hast du die
Verstorbenen auferweckt. Den Stachel des Todes hast du vernichtet
und Adam vom Fluch befreit. O menschenfreundlicher Herr, rette uns!"
Jetzt ist alles mit Licht erfüllt, Himmel, Erde und
Unterwelt. So möge denn die ganze Schöpfung Christi Auferweckung
feiern, in der sie Kraft erlangt.
Des Todes Tötung, der Unterwelt Vernichtung, den Beginn eines
neuen, des ewigen Lebens begehen wir festlich.
Johannes von Damaskus
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