Wachstum im Glauben?
Kurz zusammengefaßt skizziert der Briefschreiber,
wie in der Jugendzeit von heute auf morgen der Glauben in sich zusammengebrochen
ist und wie sich nach einer längeren, von "Ersatzreligion"
bestimmten Lebensphase die Frage nach Gott wieder einstellt.
Jugendliche und Erwachsene sehen die Welt anders
als mit Kinderaugen. Manche scheinen für den "Kinderglauben"
anzunehmen, daß er geradlinig mit den körperlichen und
seelischen Kräften reift. Das kann, muß aber nicht so
sein. Wenn der Kinderglauben nicht mehr trägt, wird er nicht
selten abgelegt wie ein zu klein gewordenes Kleidungsstück.
Letzteres dürfte auf den Fragesteller zutreffen, der beobachtet
hat, wie rasch der Kinderglaube löchrig wurde und keine Antworten
auf die neuen Fragen des Jugendlichen oder Erwachsenen mehr bot;
ein Windhauch genügte schließlich, um das ganze Gebäude
zum Einsturz zu bringen. Die Trümmer blieben liegen, Neues
entstand auf der Baustelle nicht. Daran wird erkennbar, wie wichtig
es ist, nicht nur in der körperlichen und seelischen Entwicklung
voranzuschreiten, sondern auch im Glauben zu wachsen. Man spricht
deshalb sehr anschaulich von einer "geistlichen Biographie",
analog zum Wachstum der Lebenserfahrung.
"Wachstum im Glauben" meint, daß
sich die Beziehung zu Gott verändern kann und muß, weil
jeder Mensch sich verändert. Paulus paßt deshalb seine
Verkündigung an das Aufnahmevermögen der (erwachsenen)
Neubekehrten in Korinth an: "Milch gab ich euch zu trinken
statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen"
(1 Kor 3,2). Das Problem ist nicht, daß der Glaube nur Milch
zu bieten hätte und am Wunsch nach fester Speise scheitert!
Im Gegenteil. Verhängnisvoll ist es allerdings, wenn die kirchliche
Verkündigung den Versuch unternimmt, wie im Fall des Briefschreibers
den Kinderglauben für das Erwachsenenalter einzufrieren oder
aber aus Mißtrauen ein Wachstum im Glauben erst gar nicht
gesucht wird.
Es schadet dem Glauben keineswegs, wenn in Jugendlichen
und Erwachsenen Fragen aufbrechen; jede Antwort, die aus einer fruchtbaren
Auseinandersetzung mit Gott resultiert, stellt ein Stück gewachsenen
Glaubens dar. Entscheidend ist: Gott kann uns wie kein anderer Antworten
auf unsere Fragen geben.
Solche Fragen an den Glauben zu stellen, ist
für seine Entwicklung unverzichtbar. Was z.B. "Beziehung"
ist, wird im menschlichen Bereich erst wirklich klar, wenn die Beziehung
zu Gott einbezogen wird. Werden die drängenden Fragen aber
erst gar nicht an den Glauben gestellt, bleibt entweder eine leere
Stelle oder sie wird mit Füllmaterial zweiter Wahl zugestopft.
Selbst ein wertvolles soziales Engagement bleibt "Ersatz",
soweit es nur dazu dient, sich aus der Frage nach Gott und Jesus
Christus davonzustehlen. Nicht wenige Menschen erkennen nach einiger
Zeit, daß ihre wirklichen Fragen von "Ersatzreligion"
gar nicht beantwortet werden. Es ist nie zu spät! Auch nach
längerem Stillstand können aus einem solchen Keim die
Blüten und Früchte eines gereiften Glaubens wachsen. Die
Entdeckung der Hl. Schrift, der Sakramente und des Gebetes als Kernpunkte
spirituellen Lebens, vielfältige kirchliche Angebote zur Glaubensvertiefung
und nicht zuletzt eine geistliche Begleitung bieten Impulse.
Jesus sagt: "Ich bin der Weinstock, ihr
seid die Reben" (Joh 15,5). In Sachen "Wachstum im Glauben"
ist das für mich eine Schlüsselstelle. Die Reben wachsen
nur in der Verbindung zum Weinstock; das zum Wachstum und Fruchttragen
notwendige Wasser und die Nährstoffe gelangen nur über
den Weinstock an die Reben. Die Verbindung zwischen Weinstock und
Rebe ist durch nichts zu ersetzen. Paulus übersetzt diese Tatsache
für die Gemeinde in Korinther so: "Ich habe gepflanzt,
Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen. So ist weder
der etwas, der pflanzt, noch der, der begießt, sondern nur
Gott, der wachsen läßt" (1 Kor 3,6f).
Ein Christ ist immer auf dem Weg;
ein Christ ist einer, der Christ werden will.
Auf den täglichen Versuch, Christ zu werden, kommt es an
- bei jedem Christen.
Adalbert Ludwig Balling
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