Gemeinschaft mit Christus
"Gemeinschaft mit Christus" ist kurz
zusammengefaßt das Thema zweier Briefe und eines geistlichen
Gesprächs. Daß diese Gemeinschaft besteht, stand außer
Frage; es geht um das "Wie" und die Auswirkungen, die
eine so innige Beziehung hat. Tatsächlich gibt es Bibelstellen,
die von einem "Wohnen Christi in uns" sprechen; Christus
bleibt "in uns" und wir sollen "in ihm" bleiben.
Dabei tun sich offensichtlich Mißverständnisse auf.
Von einigen scheint die Gemeinschaft mit Christus
so intensiv gesehen zu werden, als ob er "Besitz" vom
Menschen ergreift und sein Handeln bestimmt. Unter Berufung auf
das "Wohnen Christi in uns" werden dann ganz alltägliche
Entscheidungen nicht getroffen und Gott anheimgestellt, etwa, ob
ein Kauf zu tätigen ist, ob ein Lebenspartner wirklich für
einen "bestimmt" ist, oder ob einer medizinischen Behandlung
zugestimmt werden soll. Unterschwellig wird vorausgesetzt, daß
die Gemeinschaft mit Gott den Willen des Menschen ausschaltet, seine
Freiheit einschränkt oder das menschliche Leben bis in Kleinigkeiten
hinein durch Eingriffe von seiner Seite "bestimmt". Das
ist falsch und im Grunde unchristlich. Solche Einschränkungen
menschlicher Freiheit beschreiben die Evangelien nur in Heilungsberichten
wie z.B. Mk 9, 17 ff (Heilung eines besessenen Jungen) und weisen
sie eindeutig der Herrschaft des Bösen zu; dabei ist zu beachten,
daß Jesus in der Heilung die Macht des Bösen bricht und
die volle Eigenverantwortlichkeit des Betroffenen wiederherstellt!
In Röm 8, 11f heißt es: "Wenn
Christus in euch ist, dann ist zwar der Leib tot aufgrund der Sünde,
der Geist aber ist Leben aufgrund der Gerechtigkeit. Wenn der Geist
dessen in euch wohnt, der Christus von den Toten auferweckt hat,
dann wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, auch
euren sterblichen Leib lebendig machen durch seinen Geist, der in
euch wohnt." Paulus spricht die Christen als Menschen an, die
"im Geist" sind. Er sieht sie in eine neue Wirklichkeit
hineingenommen, die er "Geist Gottes in euch" nennt. Diese
neue Wirklichkeit ändert nichts daran, daß alle Menschen
als Folge der Sünde sterben müssen. Es gibt aber die Hoffnung
auf unsere eigene Auferstehung als Frucht der Erlösung. Im
Empfang des Hl. Geistes, als "geistliche Menschen", tragen
wir den Anfang des neuen Lebens bereits in uns. Als Unterpfand für
das begonnene neue Leben im Geist gilt die Wirklichkeit der Auferstehung
Jesu; so wie ihm wird sie uns geschenkt, wenn wir uns auf Gottes
Handeln für uns einlassen, ihm zustimmend antworten und aus
diesem lebendigen Glauben unser Leben in Freiheit gestalten.
Das "Wohnen Christi in uns" ist also
ein Bild dafür, daß Gott wirklich im Menschen ankommt.
Unser Handeln bleibt frei, selbst Sünde bleibt möglich;
doch zieht uns die Gegenwart Gottes im Hl. Geist zu ihm hin, sie
wirbt um unsere Treue zu ihm, sie fordert uns beständig heraus,
gerne und bereitwillig das Gute zu tun. Bei voller Entscheidungsfreiheit
soll unser menschlicher Wille und Gottes Wille zum Einklang kommen.
Gott wird weder an unserer Stelle den Erfolg
eines Geschäft beurteilen, einen Lebenspartner aussuchen, noch
über eine Operation befinden. Seine Gegenwart hilft uns, selbst
gute und vernünftige Entscheidungen zu treffen, die am Wort
und Handeln Christi Maß nehmen. Damit liegt es in unserer
Hand, die
Gegenwart Gottes in uns zur Entfaltung zu bringen.
Diesem "Wohnen Christi in uns" kann
man noch vertieft geistlich nachspüren. Der Kirchenvater Origenes
umschreibt den Einklang des Gläubigen mit Christus so: "Auch
auf folgende Weise kann man erweisen, daß einer den Geist
Christi in sich hat: Christus ist die Weisheit; wenn jemand weise
ist, wie es Christus entspricht, und nach dem trachtet, was zu Christus
gehört, dann hat er durch die Weisheit den Geist Christi in
sich. Christus ist der Friede; wenn jemand in sich den Frieden Christi
hat, dann hat er durch den Geist des Friedens auch den Geist Christi
in sich. So ist es auch bei der Liebe, der Heiligkeit und bei allem
im einzelnen, von dem man sagen kann, daß Christus es verkörpert."
Gott sorgt sich um die Menschen; aber seine Sorge ist Liebe.
Diese ist so groß, daß er uns seinen eigenen Sohn als
Arzt und Erlöser offenbart und uns huldvoll durch ihn als seine
Kinder annimmt.
Theodoret von Cyrus
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