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Angst vor Gott?

In einer Reihe von Briefen schildern Menschen, daß Glaube und Bindung an die Kirche ihrer Lebensgeschichte Richtung gegeben haben. In den Fragen deutet sich jedoch ein anderer Grundzug an: Angst vor Gott, Furcht vor Strafe. Manche befürchten, schon bei kleinsten Anlässen etwas falsch zu machen und Gottes Zorn auszulösen. Andere klagen über Schwierigkeiten beim Beten; der Briefzusammenhang deckt auf, daß eine vertrauensvolle Hinwendung zu Gott nicht gelingen will, weil zu einem furchterregenden Gott nur pflichtgemäß oder "aus sicherer Entfernung" gebetet werden kann. Manche haben ihr ganzes Leben als gute Christen Gott geehrt und verehrt, aber Gottesliebe ist ihnen trotzdem ein unverständliches Fremdwort geblieben. Nicht selten deshalb, weil Ehrfurcht mit Angst vor Gott verwechselt und die Sehnsucht nach dem Himmel von der Furcht vor der Hölle erdrosselt wird. Solche Engführungen hindern die Entfaltung des Christseins.

Schon das alttestamentliche Gesetz ist nicht Selbstzweck, sondern weist über sich hinaus: "Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir außer dem einen: daß du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, indem du auf allen seinen Wegen gehst, ihn liebst..." (Dtn 10, 12). Das Gesetz stiftet eine Ordnung, die helfen soll, Menschen zum Eigentlichen zu führen, nämlich in eine heilende und heiligende Beziehung zu Gott. Statt sich zerstörerischen Fliehkräften zu überlassen, soll der Mensch in Gott seine Mitte finden, die alles zusammenhält (vgl. Jer 7, 5ff). Bestimmte Gebote wie z.B. die Speisegesetze haben diesen Wegweisercharakter im Licht Christi verloren; die 10 Gebote haben dagegen ihre Bedeutung behalten, weil sie nach wie vor Gottes- und Nächstenliebe ins Leben umsetzen helfen. "Furcht Gottes" besteht nicht im Kultivieren von Ängsten, sondern im Suchen nach seinen Wegen und seiner liebenden Nähe! Nicht anders als in diesem alttestamentlichen Bezug ist die "Furcht" in Phil 2,12 zu verstehen: "Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil"!

"Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe, und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet. Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat" (1 Joh 4, 18f). Dieser Gedanke faßt zusammen, warum an vielen Stellen der Hl. Schrift die Begegnung von Menschen mit Gott und seinem menschgewordenen Wort damit beginnt, daß sie von ihrer Furcht befreit werden (vgl. z.B. Jes 6, 5f; Mk 6, 49f; Mt 28, 5). Menschliche Angst mag zwar die geschöpfliche Reaktion auf die Gegenwart Gottes sein; aber Gott selbst durchbricht sie, um eine Brücke zu bauen: hin zur Annahme eines Dienstes oder einer Berufung; hin zur Ermutigung zum Glauben; hin zur hoffnungs- und vertrauensvollen Begegnung mit dem Auferstandenen. Die Menschwerdung des Sohnes Gottes ist in dieser Hinsicht die größte und grundlegendste Heilstat Gottes überhaupt (vgl. Hebr 2, 14f).

Menschen können vor Gott scheitern, wenn sie von ihrer Freiheit, sich ihm zu verweigern, unwiderruflich Gebrauch machen. Menschen können vor Gott scheitern, wenn sie durch schwerste Sünde und Verweigerung der Umkehr ihr Verhältnis zu Gott selbst zerstören. Gott will das nicht; er wartet keineswegs auf einen Fehltritt, um einen Grund zu haben, einen Menschen von sich zu stoßen. Im Gegenteil: "Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen -Spruch Gottes des Herrn- und nicht vielmehr daran, daß er seine bösen Wege verläßt und so am Leben bleibt" (Ez 18, 23)? oder: "Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird" (Joh 3,17). Das ist Frohe Botschaft. Betrachtendes Nachdenken über die angegebenen Stellen kann zu einer befreiende Glaubenserfahrung führen!

Überall bedrängten uns Schwierigkeiten: von außen Widerspruch und Anfeindung, im Inneren Angst und Furcht. Aber Gott, der die Niedergeschlagenen aufrichtet, hat auch uns aufgerichtet.
2 Kor 7, 5f

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