Beruf oder Berufung?
Bemerkenswerterweise setzen sich in einer Zeit, in
der zurückgehende Zahlen bei Priester- und Ordensberufen Sorgen
bereiten, in nur einer Woche zwei Briefe ernsthaft mit dem Thema
"Berufung" auseinander. Ich beschränke mich im folgenden
auf die Frage eines verheirateten, in Beruf und Kirche engagierten
Mannes, der sich schon seit längerem Gedanken über seine
Berufung zum ständigen Diakon macht.
Der im Brief verwendete Begriff "Berufsfeld"
deutet ein erstes Problem an. Manchmal wird eine Scheu vor dem Wort
"Berufung" greifbar, die verleitet, diesen Aspekt auszuklammern.
Gesucht würde dann nach einem Beruf, in dem der Mensch tätig
und Gott nur ein Thema wäre. Es ist jedoch umgekehrt: Gott
handelt in unserem Leben und fordert zu einem darauf antwortenden
Lebensentwurf heraus, der verschiedene Gestalt annehmen kann.
Wie viele Christen versteht der Fragesteller seinen
ausgeübten Beruf nicht als "Job", sondern als Dienst.
Das 2. Vatikanische Konzil lehrt: "Die Laien (...) verwirklichen
in Kirche und Welt ihren eigenen Anteil an der Sendung des ganzen
Volkes Gottes. Durch ihr Bemühen um die Evangelisierung und
Heiligung der Menschen und um die Durchdringung und Vervollkommnung
der zeitlichen Ordnung mit dem Geist des Evangeliums üben sie
tatsächlich ein Apostolat aus (...). Da es dem Stand der Laien
eigen ist, inmitten der Welt und der weltlichen Aufgaben zu leben,
sind sie von Gott berufen, vom Geist Christi beseelt nach Art des
Sauerteigs ihr Apostolat in der Welt auszuüben" (Dekret
über das Laienapostolat, Nr. 2 am Ende). Christliches Engagement
in die Berufswelt hineinzutragen, ist eine Berufung! Wer sie annimmt
läßt zu, daß das eigene Leben geprägt wird.
Selbst wenn Sachzwänge nur engen Spielraum lassen, vermittelt
z.B. die Art und Weise, wie man Menschen begegnet und ihre Probleme
wahr- und ernstnimmt: Hier begegnen Sie einem Christen! Ein solches
Zeugnis für Christus durchdringt "die Welt", nämlich
die Welt einer bestimmten Aufgabe, die Welt der Menschen, mit denen
man zu tun hat. Für die Ausübung dieser Berufung sind
Christen in Taufe und Firmung von Gott bestens ausgerüstet.
Weiter wäre zu fragen, ob die Berufung zu einem
darüber hinausgehenden besonderen Dienst erkennbar wird, zu
dem auch eine besondere Ausrüstung gehört. Ein Blick auf
Röm 10, 13ff mag verdeutlichen: Gott zeigt Menschen Zusammenhänge
auf, die anfragen, unruhig werden lassen. Notwendige Dienste fallen
als brachliegend auf. Die Erkenntnis wächst, daß nicht
irgendjemand, sondern man selbst etwas beitragen sollte. Je nach
Gestalt des Dienstes ist die Priester- oder Diakonatsweihe dafür
so unverzichtbar wie die Taufe für das Christsein grundlegend
ist. Denn wie jede Weihe ist auch die Diakonatsweihe keineswegs
eine besonders feierliche Form kirchlicher Beauftragung, sondern
Sakrament. Dieses Sakrament vertieft die in Taufe und Firmung grundgelegte
Bindung an Christus; es prägt den, der es empfängt und
rüstet ihn gleichzeitig mit dem Erforderlichen aus. Der Rahmen,
in dem Berufung, Dienst und Sakrament zueinander finden, ist jedoch
immer der eines sehr grundsätzlichen Lebensentwurfs.
Wie könnten besondere Aufgaben oder Dienste
aussehen, deren Übernahme und Bewältigung speziell aus
der mit der Diakonatsweihe vertieften Bindung an Christus erwächst?
Das kann letztlich nur der Betroffene abwägen, wobei die Kirche
ihre Erfahrungen auf diesen Weg mitgeben kann und wird. Vorstellbar
wäre z.B., daß sich jemand von Gott gerufen weiß,
die Zuwendung Jesu zu den Armen, Kranken, Vergessenen, Ausgestoßenen
in besonderer Weise zu verkünden; oder daß jemand den
Auftrag erkennt, nach Kräften dazu beizutragen, diesem Gesichtspunkt
im kirchlichen Leben greifbare Gestalt zu geben. Möglichkeiten
gibt es viele. Ebenso Menschen, die warten!
Jesus Christus, der Nachfolge gebietet, weiß allein,
wo der Weg hingeht. Wir aber wissen, daß es ganz gewiß
ein über alle Maßen barmherziger Weg sein wird. Nachfolge
ist Freude.
Dietrich Bonhoeffer
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