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"Lebendige Opfergabe in Christus"

Einem aufmerksamen Beter ist aufgefallen, daß im vierten Hochgebet die Gläubigen als "lebendige Opfergabe" bezeichnet werden: "Sieh her auf die Opfergabe, die du selber deiner Kirche bereitet hast, und gib, daß alle, die Anteil erhalten an dem einen Brot und dem einen Kelch, ein Leib werden im Hl. Geist, eine lebendige Opfergabe in Christus zum Lob deiner Herrlichkeit." Er versucht, zu diesen Gebetsworten einen Zugang zu finden.

Dieser Gedanke wurzelt in Röm 12, 1f: "Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst. Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken ...". Paulus skizziert damit eine Grundhaltung, die den Christen umfassend auf Gott hinordnet; davon wird der ganze Mensch in allen seinen Lebensbereichen erfaßt. Er soll da sein für Gott und -darin eingeschlossen - da sein für andere. Christsein soll im Zeichen des Dienens stehen, so radikal, daß Paulus in Anlehnung an den alttestamentlichen Tempelkult zur Formulierung des "lebendigen Opfers" findet. Ist christliches Lebens so grundsätzlich auf Gott und den Nächsten bezogen, widerstreitet dem eine Angleichung an die "alte Welt"; der Christ lebt in ihr, ist aber grundsätzlich aus ihrer Vorläufigkeit, Sündhaftigkeit und Gottvergessenheit herausgenommen. Christliches Leben soll nicht in den brüchigen Maßstäben einer vergänglichen Welt aufgehen, sondern muß in einem ständigen Prozeß der Erneuerung umgestaltet und fortentwickelt werden. Diese "Wandlung durch ein neues Denken" bezweckt keine bloß negative Abwendung von der "Welt"; sie drängt auf eine positive Umgestaltung des Einzelnen, die sich in der "Welt" und auf die "Welt" auswirkt - Zeichen des Erbarmens Gottes.

Das Nachlesen von Röm 15, 16 führt zum nächsten Schritt. In der Bekehrung der Heiden zum Glauben an Jesus Christus geschieht die in Röm 12, 2 angesprochene Wandlung des Denkens besonders auffällig: die Bekehrten sind im Geist des Dienens hingeordnet auf Gott und den Nächsten, wobei ihre Taufe und Firmung einen vorläufigen Höhepunkt markieren. Das Vertrauen auf Gott und Gottes Wort ist von nun an der neue, alles bestimmende Maßstab ihres Lebens; damit sind sie über ihre frühere begrenzte Lebensperspektive hinausgewachsen und zur im Hl. Geist geheiligten, lebendigen Opfergabe geworden. Röm 15, 16 bringt klar zum Ausdruck, daß es sich dabei um ein Wirken des Hl. Geistes handelt, der die Fesseln menschlicher Begrenztheit, Machbarkeit und Emanzipation von Gott aufsprengt und in die Dynamik eines neuen Lebens aus dem Glauben hineinführt.

Ein Christ, der für Gott und für seine Mitmenschen im wahrsten Sinne des Wortes da ist, ahmt Christus nach. Denn Christus wollte nichts anderes. Er wollte dies so unbedingt, daß er darin unser Heil geworden ist. In einem unüberbietbaren Sinn ist Christus deshalb selbst ein "lebendiges Opfer" in einem geistigen Gottesdienst. Das Sakrament der Eucharistie bezieht uns unablässig in dieses Geschehen ein: Christus verschenkt sich an die Menschen und findet darin zur höchsten "Selbstverwirklichung"; er stiftet Gemeinschaft zwischen sich und uns im Hl. Geist und prägt uns seine "Lebensperspektive" als unsere eigene immer tiefer ein.

Das Wort von der "lebendigen Opfergabe" im vierten Hochgebet gleicht also einer Wegkreuzung, an der sich das Nachdenken über das Heilshandeln Christi, das fortwährende Wirken des Hl. Geistes, die prägende Kraft des Sakraments der Eucharistie sowie unser eigenes Bemühen um dienendes Da-sein für Gott und die Nächsten wie vier Wege treffen. Es mag anstrengend sein, dem betrachtend weiter nachzuspüren. Lohnend ist es sicher, denn dies zeigt Glaubens-Zusammenhänge auf und vermittelt damit einen roten Faden für unser alltägliches Christsein.

Gott -
Ursprung, in dem alles beginnt.
Ziel, in das alles mündet.
Gegenwart, die alles trägt:
In dir leben wir heute.

Paul Claudel, in: W. Bader (Hrsg.), Mein Gott, München 1995, S. 62

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