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Abgeschnitten von der Möglichkeit zur Umkehr?

Ein besonders aufmerksamer oder theologisch vorgebildeter Bibelleser bezieht sich auf die Stelle Jes 6, 9f. Der Herr trägt darin dem Propheten Jesaja auf: "Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen. Sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopf ihm die Ohren, verkleb ihm die Augen, damit es mit den Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und sich nicht bekehrt und nicht geheilt wird". Der Fragesteller steht ratlos vor einem Bibeltext, in dem Gott Menschen von Umkehr und Heilung auszuschließen scheint.

Das sind harte Worte und theologischer Sprengstoff. Manche versuchen es dadurch zu lösen, daß sie auf die Erfahrungen des Propheten verweisen, der nach vielen Enttäuschungen, nach Ablehnung und Erfolglosigkeit seines Umkehrrufes resigniert habe; gewissermaßen zurückschauend habe er die Vergeblichkeit seiner Sendung bis zurück zur Prophetenberufung im Blick. Kilian betont dagegen in seinem Kommentar zur Stelle, daß eine solche Auslegung weder dem Text, noch der Glaubwürdigkeit des Propheten, noch seiner tatsächlichen Verkündigung gerecht wird, die "weder bedingte, noch absolute Heilsweissagungen, nicht einmal direkte Umkehrforderungen aufweist". Vordergründig glättende oder psychologisierende Deutungen gehen am Text vorbei. Deshalb folge ich Kilians Auslegung, daß Jesaja nicht nur ein Gericht androht, um eindringlich zur Umkehr zu mahnen, sondern daß die "Verstockung" des Volkes bereits der Auftakt des sich vollziehenden Gerichts ist. Jesaja verkündet nicht das Gericht, sondern erscheint als ausführendes Gerichtsorgan. Der Gott in der Stelle Jes 6, 9f ist der zum Gericht erscheinende Gott. Kilian wertet: Das "mag Anlaß zum Anstoß sein; es ist aber biblische Wirklichkeit, die keinen harmlosen lieben Gott kennt, sondern den absoluten Herrn verkündet, gelegen oder ungelegen".

Diese Textauslegung mag dazu anregen, allzu wohlige, selbstgestrickte "Gottesbilder" zu überprüfen. Aber auch, wenn man Jes 6, 9f mit dem gehörigen Ernst aufnimmt, ist dieses Prophetenwort kein Schlußpunkt. Die Abwendung des Volkes von Gott war so tiefgreifend, daß sie seine Wurzeln zerstörte. Gott überließ die Menschen den Folgen ihres selbstgewählten Tuns, nämlich dem Zusammenbruch ihrer eigenen Pläne. Dennoch offenbart sich Gott weiter und sein Wort findet Menschen, die es hören: "Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, daß ihr Frondienst zu Ende geht, daß ihre Schuld beglichen ist" (Jes 40, 1f). Ein neues Kapitel der Heilsgeschichte und der Beziehung zu Gott wird aufgeschlagen. Eine neue Chance des Menschen vor Gott entsteht, wenn sowohl Jes 6, 9f wie auch Jes 40, 1f offene Ohren finden.

Wie können wir unseren geistlichen Weg zwischen diesen beiden so gegensätzlich scheinenden Gotteserfahrungen finden? Vielleicht hilft betrachtendes Nachdenken über Ez 18, 23: "Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen -Spruch Gottes des Herrn- und nicht vielmehr daran, daß er seine bösen Wege verläßt und so am Leben bleibt?" Schuld und ihre Folge, das Abbröckeln unseres Menschseins in einen Abgrund, wird beim Namen genannt. Gottes Wille ist das nicht. Unser Garant dafür ist Jesus und sein Ruf: "Kehrt um und glaubt an das Evangelium" (Mk 1, 15 b). Mit diesem "Grundsatzprogramm" wird Jesus zur Tür, durch die wir hindurchgehen können, wenn wir nur ernsthaft wollen. Diese Tür wird nicht zugeschlagen!

Nicht durch Zertrümmerung, sondern durch Versöhnung wird die Welt überwunden.
Dietrich Bonhoeffer

oder:

Man kann Trost suchen an den verschiedensten Orten, in der Einsamkeit, in der Natur, in der Arbeit, in der Geselligkeit. Dort überall kann man Trost suchen. Trost finden aber kann man nur in der Erkenntnis Gottes.
Dietrich Bonhoeffer

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