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Starb Jesus in Indien? Gibt es indische Einflüsse auf das Christentum?

Nach einiger Ratlosigkeit bin ich zufällig auf aktuelle Taschenbücher aufmerksam geworden, die den vermutlichen Hintergrund der Fragen bilden. Grob skizziert sei danach Jesus in seinen "verborgenen Jahren" in Indien gewesen, bevor er in Palästina öffentlich auftrat; er habe die Kreuzigung überlebt und sei nach Indien ausgewichen, wo er hochbetagt gestorben sei. Sein Grab werde in der Stadt Srinagar gezeigt, gehütet von seinen Nachkommen. Diese "wissenschaftlichen" Erkenntnisse ergäben sich aus uralten indisch-tibetischen Texten, abgesichert durch "Beweise" sprachlicher, archäologischer und historischer Natur.

Glücklicherweise war sich ein kompetenter Indologe nicht zu schade, von seinem Fachgebiet her aufzuräumen. Er äußert die Befürchtung, daß allein durch die Fülle noch so fragwürdiger Publikationen etwas hängen bleiben könnte. Angesichts der Verunsicherung der Fragesteller scheint er recht zu haben.

Günther Grönbolds Buch "Jesus in Indien, Das Ende einer Legende, München 1985" deckt auf: Gewährsmann der "Jesus in Indien - Legende" ist ein russischer Glücksritter um die Jahrhundertwende, dessen Behauptungen von Fachleuten rasch als "literarischer Betrug" entlarvt wurden, weil er seine Hauptquelle frei erfunden hat. Neben ihm steht der Gründer der islamischen Ahmadiyya-Sekte, der als erster vom Grab Jesu in Srinagar sprach; diese äußerst aktive, auch in Augsburg auftretende Sekte trägt das ihre zur Verbreitung seiner Behauptungen bei. Die "Entdeckungen" dieser und weiterer Autoren fanden Anklang in esoterischen Kreisen; obwohl längst schlagend widerlegt, werden ihre Gedankengebäude immer wieder abgeschrieben, damit sie sich gegenseitig stützen. Triebfeder ist ein Kampf gegen die Grundlagen des christlichen Glaubens oder schlicht Geld.
Die angeblichen Spuren Jesu im fernen Osten beruhen, wie Grönbold mühelos aufzeigt, z.T. auf wilden Sprach-Spekulationen und falschen Zuschreibungen, z.T. auf islamischen Einflüssen. Insbesondere hat der mit dem Grab in Srinagar verbundene Name Yuz Asaf nichts mit Jesus zu tun, sondern mit Buddha; dahinter steht die mehrschichtige Übertragung einer arabischen Heiligenlegende auf ein Grab vorislamischer Zeit.

Ähnlich verhält es sich mit "Abhängigkeiten" biblischer Texte vom Buddhismus bzw. Hinduismus. Es gibt keine, denn sonst müßten sie nicht durch Entstellung des Bibeltextes konstruiert werden. Andere "Gemeinsamkeiten" entspringen der freien Phantasie ihres Autors, z.B. zwischen der außerkörperlichen Luftreise des Sehers Asita und dem geistgeführten Gang Simeons in den Tempel (Lk 2,27). Grönbold enttarnt die fernöstlichen Seite: "Es gibt in den biblischen Texten nichts, wo man sagen müßte das ist indisch" (Grönbold, S. 132)! So wird das angebliche Vorbild von Adam und Eva in Sanskrittexten mithilfe unhaltbarer sprachlicher Spekulationen erst dort hineingeschmuggelt; ebenso frei erfunden ist die Ableitung von "Christus" aus "Krishna". Von einer Jungfrauengeburt Buddhas ist im Buddhismus nicht die Rede; die Lehre von der Menschwerdung Gottes und die Lehre von der Wiedergeburt sind nicht vergleichbar. Die wenigen echten christlichen Anklänge in indischen Texten sind über das frühe ostsyrische Christentum in Zentralasien und Indien vermittelt.

Die Grundlagen des Christentums sind entgegen den Hoffnungen mancher Autoren nicht erschüttert! Das Problem besteht darin, daß da und dort Behauptungen auf fruchtbaren Boden fallen, die biblische wie mündliche Überlieferung der Kirche sei das Produkt von Erfindern, Verdrehern oder Verschwörern und Jesus ihr Opfer. Das zeigt eine Vertrauenskrise. Sie kann durch Erneuerung im Glauben und unvoreingenommene Auseinandersetzung mit der kirchlichen Überlieferung überwunden werden: "So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest" (Lk 1, 4; vgl. Joh 21, 24).

Deine Augen werden deinen Lehrer sehen, deine Ohren werden es hören, wenn er dir nachruft: Hier ist der Weg, auf ihm müßt ihr gehen, auch wenn ihr selbst rechts oder links gehen wolltet.
Jesaja 30, 20b.21

oder:

Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.
Apg 4, 20

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