Links
Kontakt
Impressum
zur Startseite Bildmeditation
 
 
Sie befinden sich hier:

Ist Krankheit Strafe Gottes?

Der Brief spricht eine verbreitete Vorstellung an. Schwere Krankheit bringt Leid mit sich, das weit über einen medizinischen "Sachverhalt" hinausgeht. Die Säulen, auf die ein gesunder Mensch sein Leben gegründet sieht, geraten ins Wanken; wenn man annehmen müßte, daß eine Strafe Gottes dahintersteht, fällt eine dieser Säulen in sich zusammen: das gläubige Vertrauen in Gott, von dem es doch heißt, daß er das Heil des Menschen will. Statt in Krankheit und Leid Gott an seiner Seite zu erfahren, bleiben nur Strohhalme; versucht man, sich an ihnen festzuhalten, tragen sie nicht.

Die tiefe menschliche Krise, die Krankheit und Leid begleitet, manchmal auch die Hilflosigkeit der Helfer, kann ausgenutzt werden; das Geschäft von Scharlatanen, Wunderheilern und Sektierern blüht. Nicht nur beim Fragesteller hinterlassen sie ein Trümmerfeld an enttäuschten Hoffnungen.

Wie wichtig ist es also, Mut zu fassen und "Krankheit als Strafe Gottes" mit einem Fragezeichen zu versehen. Die Berechtigung dazu ergibt sich aus einer grundsätzlichen Überlegung. Wenn Krankheit Strafe Gottes wäre, hätte sich Jesus in seiner Zuwendung zu den Kranken und Benachteiligten, erst recht durch die von ihm gewirkten Krankenheilungen, gegen den Willen des Vaters aufgelehnt. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. In Zuwendung und Krankenheilung verkündet Jesus uns den Vater durch die Tat, wie er ihn auch im Wort verkündigt hat. Wäre Krankheit Gottes Strafe, wäre das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25 ff) ein absurder Aufruf zur Auflehnung gegen Gott. Vielmehr erhebt Jesus im Gleichnis die Zuwendung zum kranken Menschen zu einem zentralen Beispiel der Nächstenliebe, die etwas von Gottes Menschenliebe aufscheinen läßt.

Es gibt noch einen anderen Anhaltspunkt. In Joh 9, 2 ff ist uns eine Begebenheit überliefert, die sich mit dem Thema "Krankheit als Strafe Gottes" direkt auseinandersetzt: "Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, so daß er blind geboren wurde?" Die Jünger sprechen eine schon damals verbreitete Meinung an, Krankheit sei Strafe Gottes. Die Frage der Jünger läßt bereits berechtigten Zweifel durchklingen, indem sie die Volksmeinung auf einen Blindgeborenen anwenden: wie sollte ein gerade Geborener gesündigt haben, so daß er von Geburt an durch sein Blindsein von Gott bestraft würde?

Die Antwort Jesu ist noch viel deutlicher: "Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden"; darauf heilt Jesus den Mann. In Jesus, den der Mann nun sehen kann, sieht er den Vater und seine Güte. Über die konkrete Krankheitssituation hinaus heißt das: Gott heilt unser verwundetes Menschsein, indem er etwas von sich sehen, erfahren läßt; er verteilt keine Strafen, sondern ruft zur inneren Hinwendung zu ihm.

Das Sakrament der Krankensalbung nimmt diese Zuwendung Gottes zu den Kranken und Leidenden in die Zeit der Kirche hinein. Bei ihrer Spendung spricht der Priester: "Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen, er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes. Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf". Der ganze Mensch steht im Blick, mit Leib und Seele; er kann von Krankheit wie von Sünde gehindert werden, Gott in seinem Leben wahrzunehmen; in beiden Gefahren läßt Gott den Menschen nicht allein, sondern gewährt sein reiches Erbarmen.

Großer Gott,
du offenbarst deine Macht vor allem im Erbarmen und Verschonen.
Darum nimm uns in Gnaden auf, wenn uns auch Schuld belastet.
Gib, daß wir unseren Lauf vollenden
und zur Herrlichkeit des Himmels gelangen.

Meßbuch, Tagesgebet zum 26. Sonntag

Seite drucken
zurück  zur Übersicht  nächste
  nach oben zum Seitenanfang

 
© Dominikanerprovinz St. Albert - XV/V/MMIII