Glaubenszweifel
In einem längeren Brief, fast einer "geistlichen
Lebensbeschreibung", werden Glaubenszweifel angesprochen. In
ein an sich konsequentes Glaubens- und Gebetsleben brechen von Zeit
zu Zeit Zweifel ein. Sie können sehr verschiedene Gestalt annehmen:
Zweifel an der Gegenwart und Nähe Gottes; Zweifel, ob Gebet
und Eucharistiefeier überhaupt einen Sinn haben; die Frage,
ob Glaubensleben mehr ist als bloß die Flucht in eine "heile
Welt". Solche Zweifel belasten, selbst wenn sie genauso unmerklich
vergehen wie sie begonnen haben.
Glaubenszweifel sollte man ernst, aber undramatisch
nehmen. Dieser geistliche Rat folgt aus der Beobachtung, wie Jesus
reagiert, wenn er Zweifeln und Kleinglauben bei den Jüngern
begegnet. Dem sprichwörtlichen ungläubigen Thomas schenkt
der Auferstandene eine Begegnung; seine Ermahnung enthält keine
Drohung mit Konsequenzen, sie klingt milde und umwerbend. Jesu Frage
an die Emmausjünger "Wie schwer fällt es euch, alles
zu glauben, was die Propheten gesagt haben (Lk 24,25b)?" fehlt
ebenfalls jede Schärfe, zumal der Auferstandene zu geduldiger
Erklärung bereit ist. Glaubenszweifel sind kein Grund zur Angst
oder Resignation, sondern Einladung zum aufmerksamen Hören
auf Jesu Wort.
Woher kommen Glaubenszweifel? Sie hängen mit
dem zusammen, was "Glauben" meint. Er ist kein Besitz,
den man nur noch hüten müßte, wenn man ihn erworben
hat. Er ist Aufgabe, Vertrauen in Gott einzuüben. Unser Bemühen
darum ist bedroht: die menschliche Vernunft meldet sich zu Wort
und hält uns vor: "Aber sicher kannst du nicht sein!"
oder: "Es kann auch ganz anders sein, nämlich..."
Unsere Vernunft hat damit recht. Aber auch wenn wir zugeben müssen,
daß wir Gott nicht "beweisen" können, wie eine
Naturwissenschaft Beweise führt, so haben wir dennoch Grund,
auftretende Glaubenszweifel gelassen auszuhalten.
Denn dieselben Fragen können wir statt an Gott
auch an uns stellen und dabei entdecken, daß weder die Vernunft,
noch ein "Beweis" den ganzen Menschen erfassen kann. Die
Vertrauenswürdigkeit der Botschaft von Gott folgt daraus, daß
unser Leben nur von ihm her einen Sinn erhält; nichts kann
ihn in dieser Grundsätzlichkeit, die alles umfaßt, "ersetzen".
Wenn ich an eine Wegkreuzung komme und nicht weiß,
welcher Weg der richtige ist, muß ich mich an irgerdwelchen
Anhaltspunkten orientieren und mich entscheiden. Genauso führen
Glaubenszweifel in eine Entscheidungssituation. Es kommt nun darauf
an, die vorhandenen Anhaltspunkte zu deuten und die richtige Entscheidung
zu treffen. Solche Anhaltspunkte können z.B. sein: Wort und
Handeln Jesu; der Glaubensweg anderer, seien es die Jünger
zur Zeit Jesu oder seien es Menschen in unserer Umgebung. Glaubensentscheidungen
beruhen nicht auf sachlichen, abstrakten Gedankengebäuden,
sondern auf Beziehung. Wenn uns Glaubenszweifel daran erinnern,
gehen wir gestärkt aus ihnen hervor.
Glaubenszweifel gleichen einer Anfrage. Wenn uns
jemand eine Frage stellt, drehen wir uns nicht weg, sondern versuchen,
die Frage zu verstehen und zu beantworten. Im Bereich des Glaubens
gilt dasselbe. In der Hl. Schrift werden Fragen über Fragen
gestellt. Nicht durch Zufall sind manche Werke geistlicher Lehrer
als Fragen an Gott mit Antworten gefaßt. Diese einfachen Beobachtungen
erinnern daran, daß es keine Schande, sondern selbstverständlicher
Teil des Glaubenswegs ist,
(zweifelnde) Fragen zu haben. Wichtig ist nur, anderen unsere Fragen
mitzuteilen, über Glaubensdinge zu reden. Selbst vor Gott brauchen
wir uns mit unseren Fragen und Zweifeln nicht zu verstecken. Im
Gegenteil! Gott hält Antworten bereit. Diese Antworten oder
die Erfahrung eines antwortenden Gottes als solche können unser
Glaubensleben aus eingefahrenen Gleisen herausreißen und ihm
eine neue Wende geben. So paradox es klingt: Glaubenszweifel sind
fruchtbar, wenn sie ausgestanden werden! Die Apostel sind glaubwürdige
Zeugen dafür.
Wer gibt mir, daß ich Ruhe finde in dir?
Wer gibt mir, daß du kommst in mein Herz
und es trunken machst;
daß ich mein Schlechtes vergesse
und mein einziges Gut umfange - dich?
Augustinus
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