"Ich kann nicht beichten und zum Beichtgespräch
traue ich mich auch nicht!"
Der Brief enthält nur wenig mehr als diesen Stoßseufzer
einer geistlichen Not. Solche Kürze macht die Antwort schwierig.
Das Problem scheint weniger in einer Unsicherheit über das
"Wie" der Beichte selbst zu liegen. Jeder Beichtvater
wird gerne bereit sein, aus möglichen Unsicherheiten herauszuhelfen
und Brücken zum Wesentlichen zu bauen. Offensichtlich ist auch
bekannt, daß das Sakrament der Versöhnung sowohl im Beichtstuhl
als auch in einem Beichtgespräch gespendet wird. Die Entscheidung
über die äußere Form sollte danach ausgerichtet
werden, wie die Grundhaltung "Umkehr" und die geschenkte
Vergebung Gottes am tiefsten in den christlichen Alltag eindringen
kann. Die sakramentale Bereinigung der Vergangenheit ist zukunftsorientiert!
Sie stellt unsere Nachfolge Christi auf neue Füße.
Oft genug wird wiederholt, daß Beichte genausowenig
leicht fällt, wie gegenüber einem Mitmenschen Unrecht
zuzugeben und sich zu entschuldigen. Manchmal scheint es aber eine
Angst zu geben, die man mit der Frage "Was wird der Beichtvater
von mir denken?" umschreiben kann. Abgesehen vom Beichtgeheimnis,
das keine Ausnahme kennt, geht eine solche Frage am Problem vorbei.
Ein Beichtvater sollte nicht wie eine "Datenbank" unzugänglich
gespeicherter Sündenlisten eingeschätzt werden; das 2.
Vatikanische Konzil hat mehrfach hervorgehoben, daß er in
der Person Christi handelt. Der Maßstab seines Dienstes ist
das Tun Jesu: wie er sündigen Menschen begegnete und ihnen
half, ihr Verhältnis zu Gott in den Blick zu nehmen; wie er
Sünde beim Namen nannte und die Umkehrbedürftigkeit des
Menschen aufzeigte; wie er Vertrauen in die Güte des Vaters
vermittelte; wie er Vergebung nicht nur in Aussicht stellte, sondern
mit stauenenerregender Vollmacht zusprach. Auch dann, wenn die Begegnungen
Jesu mit Sündern nicht in äußerer Abgeschiedenheit
stattfanden, tritt nach den Evangelienberichten die Umgebung als
unwichtig zurück; nur Jesus und ein umkehrbereiter Mensch stehen
sich im entscheidenden Augenblick gegenüber. Mit gutem Grund,
denn er ist es, der von Sünde befreit und verwundetes Menschsein
heilt. Ein aufrichtiges Bemühen des Beichtvaters, den Menschen
das hohe Vorbild Jesu nach Kräften nahezubringen, darf vorausgesetzt
werden.
Der Umgang mit der eigenen Schuld ist ein Lernprozeß.
Die Bibel faßt das in eine Geschichte. Adam und Eva hatten
dem Verbot des Herrn zuwider gehandelt. "Als sie Gott, den
Herrn, im Garten ... einherschreiten hörten, versteckten sich
Adam und seine Frau vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des
Gartens" (Gen 3, 8). Ganz ähnlich verhindert bis heute
das Wissen um persönliche Schuld keineswegs, das Geschehene
sogar vor Gott verbergen zu wollen. Behauptet wird nicht selten
das Gegenteil. Dahinter steht Angst. Sie beruht darauf, daß
zutreffend wahrgenommen wird, wie sich die Folgen der Sünde
verselbständigen und dem Menschen entgleiten. Gott ruft Adam
und seither jeden schuldig Gewordenen: "Wo bist du"? Die
erste Frage Gottes gilt nicht der Schuld; er sucht den Menschen!
Damit wird angedeutet: wer Schuld vor Gott verbergen will, versteckt
sich selbst, sein ganzes Menschsein. Dennoch fragt Gott nach dem
Menschen. Aus dem Versteck herauszutreten und sich Gott zu stellen,
eröffnet einen Dialog.
Jesus greift dieses Thema in seinen Bildworten vom
guten Hirten und den Schafen auf. Sie hören seine Stimme, wenn
er ruft. Geht eines verloren, macht sich der gute Hirt auf die Suche.
Ist die Suche erfolgreich, nimmt er das wiedergefundene Schaf voll
Freude auf die Schultern, damit der Rückweg nicht zu weit ist.
Mehrmals ist von dieser Freude im Zusammenhang mit Umkehr die Rede.
Deshalb ist Beichte sehr eingängig als "Sakrament der
Freude Gottes" bezeichnet worden. Das betrachtende Nachdenken
über diese Formulierung mag dazu ermutigen, auf die Frage "Wo
bist du? zu antworten.
Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden,
die er begeht
- die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering -,
die große Schuld des Menschen ist,
daß er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.
Martin Buber, in: J. Feige/ R. Spennhoff, Ja zu jedem
Tag, S. 87.
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