loslassen können
Mehreren Briefen liegt dasselbe geistliche Problem
zugrunde: die Erfahrung, immer wieder auf andere "zu ihrem
Besten" einwirken zu wollen und darin ebenso regelmäßig
abgewiesen zu werden. Schwindendes Vertrauen, brüchig werdende
Beziehungen oder Konflikte sind die Folge.
Spirituell gesehen kommt es auf das gleiche heraus,
wovon das Herz des Menschen besetzt ist. Außer es handelt
sich um Gott! Sorgen und Ängste, Besitzgier und Geltungssucht,
"Selbstverwirklichung" und Fluchten haben trotz grundverschiedener
Lebenssituationen dieselbe Begleiterscheinung: Gott kann hinter
all dem zurücktreten. Diese Folge können bereits menschliche
Vorstellungen nach sich ziehen. Sind die Bilder von Gott und den
Mitmenschen allzu fest und gewichtig, wandeln sich diese Vorstellungen
bisweilen zu Götzen, die für keine echte Gottesbegegnung
mehr Raum lassen. Gott wird dann im Alltag nicht mehr wahrgenommen.
Die Mitmenschen verlieren für uns das Antlitz Christi, obwohl
doch für Christus getan wird, was wir für sie tun; denn
der "richtige" Weg verdrängt den Menschen, der ihn
geht.
Die Antwort der dominikanischen Theologen und Mystiker Meister Eckhart
und Johannes Tauler auf diese Alltagserfahrung lautet: Lasse alles
los, was dich festhält; in die entstehende befreiende Leere
zieht Gott ein. Bei Meister Eckhart heißt es wörtlich:
"Kein Gefäß kann zweierlei Trank in sich fassen.
Soll es Wein enthalten, so muß man notgedrungen das Wasser
ausgießen; das Gefäß muß leer und ledig werden.
Darum: sollst du göttliche Freude und Gott aufnehmen, so mußt
du notwendig die Kreaturen ausgießen".
Solche Radikalität führt nicht ins Abseits,
sondern in die Mitte, weil es um Gott geht. Wagen wir also den gedanklichen
Schritt. Jemand, der Ängste "losläßt",
um für Gott Raum zu schaffen, hat keinen Grund zur Angst mehr;
denn Gott beugt sich liebend zu uns herab. Jemand, der Besitz als
Lebensfundament losläßt, gewinnt die Freiheit, auf Gott
zu bauen. Jemand, der von seinen allzu starren Vorstellungen von
Gott losläßt, lernt, ihn im Alltag wahrzunehmen. Jemand,
der seine Vorstellungen von den Mitmenschen losläßt,
lernt, sie ein klein wenig so zu sehen, wie Gott sie sieht. Und
genau darum geht es. Wieviel bedeuten schon unsere begrenzten Erkenntnisse,
was für einen anderen gut ist, wenn wir dadurch den Menschen
aus den Augen verlieren, der seine Erwartungen, Hoffnungen und Bemühungen
an Gott und die Mitmenschen lebt? Sein Suchen ist Gott so wichtig
wie unser Bemühen.
"Loslassen können" heißt allerdings
nicht "aufgeben". Sorgen und Ängste z.B. mögen
wohl verschwinden, eingeschmolzen in der Liebe Gottes, die statt
ihrer Raum in unserem Herzen einnimmt. Im Grunde heißt "loslassen
können" jedoch "die richtige Reihenfolge wählen".
Wir müssen unserem Beruf nachgehen, um leben zu können;
aber er sollte uns nicht verschlingen. Wir können unsere Mitmenschen
wahrnehmen und lieben, auch wenn sie ganz anders sind und wollen,
als wir es für richtig halten. Das ist keine Gleichgültigkeit!
Denn wenn Gott in den leergewordenen Raum unseres Herzens einzieht,
ist er der Maßstab; danach sind sowohl ich als auch der andere
seine Geschöpfe, die sich ihm verdanken. Solche "Reihenfolge"
entlastet, weil zwei Menschen miteinander vor Gott stehen, anstatt
sich gegenüberzustehen und einander den "richtigen"
Weg aufzudrängen nämlich, wenn trotz bester Absichten
bei Licht besehen der Mensch hinter einem Ergebnis oder einem Zweck
zurücktritt.
Es hat einen tiefen Grund, warum Gottes- und Nächstenliebe
in einem Doppelgebot zusammengefaßt sind. Alles "loslassen
können" außer Gott, gibt der Gottesliebe Raum. Zu
den erstaunlichsten spirituellen Entdeckungen von Christsein im
Alltag gehört, daß Gottesliebe die Nächstenliebe
nicht beeinträchtigt, sondern ermöglicht.
Niemals hat ein Mensch irgend etwas so sehr begehrt, wie
es Gott danach verlangt, den Menschen dahin zu bringen, daß
er ihn erkennt.
Meister Eckhart
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